Anschober zieht für sich die Notbremse

von Redaktion

Österreichs Gesundheitsminister tritt nach 15 Monaten zurück – mit Rücksicht auf die eigene Gesundheit

Wien – Auf dem gläsernen Pult vor sich hat Rudolf Anschober mehrere Zettel platziert, zwei kleine gelbe und mehrere große weiße. Die Maske liegt links, das Wasserglas rechts wird er bis zum Ende nicht anrühren. Alles an diesem Auftritt wirkt aufgeräumt, selbst dann noch, als es so richtig persönlich wird. Anschober spricht von seinem Blutdruck, den Zuckerwerten, einem beginnenden Tinnitus, zwei Kreislaufzusammenbrüchen und seinem Burn-Out vor neun Jahren. Er lässt kein Detail aus. In 14 Pandemiemonaten, sagt er, habe er „keinen einzigen wirklich freien, völlig entspannten Tag“ gehabt. „Ich bin überarbeitet und ausgepowert – das ist es.“

Als Gesundheitsminister sei er nun mal für die Gesundheit zuständig, erinnert Anschober, „auch für meine eigene“. Gestern, genau eine Woche nach seinem zweiten Zusammenbruch, ist er deshalb zurückgetreten, Nachfolger wird der Mediziner Wolfgang Mückstein. Der Schritt ist konsequent und kam auch nicht mehr unerwartet, in dieser Form aber, so besonnen und gleichzeitig emotional, überrascht er dennoch. Am Ende klatschen viele Journalisten, und Anschober winkt gelöst, ehe er durch die Tür verschwindet.

15 Monate hat der Grünen-Politiker das Ministerium geleitet. „Wie 15 Jahre“ kam ihm die Zeit vor. Zuletzt habe er gemerkt: „Ich muss für mich eine Notbremse ziehen.“ Die Alarmsignale des Körpers ertönten immer häufiger. Ein Krankenhausaufenthalt im März, ein Neustart mit frischer Energie, die nicht lange währt, der Rückschlag letzte Woche. So schlimm wie 2012 ist es zwar nicht, „mit einem Burn-Out würde ich hier nicht stehen“. Aber sich zu erholen und gleichzeitig im Amt zu bleiben, das traut er sich nicht mehr zu: „Ich will mich nicht kaputtmachen.“

Neben Kanzler Sebastian Kurz ist Anschober das Gesicht der österreichischen Corona-Politik. Als es europaweit besser lief mit der Pandemiebekämpfung, gehörten Gesundheitsminister oft zu den beliebtesten Politikern. Macher und Mahner, die Ruhe ausstrahlten und zumindest das Gefühl, die Lage im Griff zu haben. Anschober ging es da nicht anders als seinem Kollegen Jens Spahn. Im Sommer 2020, als Österreich die erste Corona-Welle sehr respektabel bewältigt hatte, stand er in der Gunst der Bürger noch vor Kurz.

Aber ein Gesundheitsminister ist eben auch für einschneidende Maßnahmen verantwortlich, für Impfstoffbestellungen und Teststrategien, er muss die Einschränkung von Grundrechten verteidigen und steigende Totenzahlen erklären. In Tschechien ist seit dem Ausbruch der Pandemie bereits der vierte Chef im Amt, auch in anderen Ländern (Slowenien, Slowakei) gab es Rücktritte.

Zuletzt stand Anschober (60) immer öfter in der Kritik. Das Land hat beim Impfen vor allem auf Astrazeneca gesetzt, zudem soll ein Spitzenbeamter ihn nicht über die Möglichkeit weiterer Bestellungen von Impfdosen informiert haben. Auch sonst lief es nicht immer glücklich. Die Corona-Ampel gilt als Misserfolg, gut gedacht, aber schlecht umgesetzt.

Im Herbst und Winter gab es Morddrohungen und Polizeischutz, Kontakte mit Bürgern in Bus oder U-Bahn („eine Energiequelle“) sind längst nicht mehr möglich, und auch in der Koalition mit Kurz’ ÖVP wurde das Klima rauer. Die Interessenkonflikte zwischen Lockerungen und Vorsicht haben zugenommen: „Ich habe mich da sehr oft sehr alleine gefühlt.“

Anschober verbucht es schon als Erfolg, dass er vor Ostern Öffnungen verhindern konnte. Aber er sagt auch, er habe „mit aller Kraft“ dafür kämpfen müssen. Und jetzt ist nicht mehr genug übrig, um der Pandemie weiter zu trotzen. Er will jetzt erst mal ausspannen und dann ein Buch schreiben. Einen politischen Roman. MARC BEYER

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