Berlin/München – Eine solche Sitzung hat Berlin lange nicht gesehen. Als die Kandidaten nahen – natürlich getrennt, aber jeweils von Security und Generalsekretären umgeben –, haben alle Abstandsregeln Pause. Dutzende Kameraleute und Fotografen drängeln sich um die besten Bilder. Kurz darauf herrscht auch drinnen ein Hauen und Stechen. Wenn auch im übertragenen Sinn. „Wir brauchen keine One-Man-Show“, sagt Laschet recht unfreundlich in Richtung des Franken. Aber viele Abgeordnete wollen dem NRW-Ministerpräsidenten nicht folgen.
Wäre es nach Laschet gegangen, hätte dieser Termin gar nicht stattgefunden. Der CDU-Chef sah die K-Frage mit dem klaren Tenor in der CDU-Präsidiumssitzung als erledigt an. Doch weil sich etliche CDU-Abgeordnete schon im Vorfeld für Söder ausgesprochen hatten, pochte der CSU-Chef auf das Gespräch mit der Fraktion. „Für mich gehört es zur Selbstverständlichkeit, dass Abgeordnete gehört werden, und deshalb bin ich heute da“, sagt Söder anfangs. Das gefällt natürlich. Laschet pocht dagegen auf den Vorstandsbeschluss. Das sei „keine Splittergruppe“, sondern die Repräsentanz der Partei in ihrer Vielfalt. Dass sich so viele CDU-Abgeordnete nun gegen Präsidium und Vorstand stellen, dürfte noch lange nachwirken.
Eigentlich ist die Sitzung intern, aber alles dringt nach draußen. Beide Lager versorgen die Presse per SMS mit Live-Tickern. Fraktionschef Ralph Brinkhaus beschimpft diese Schreiber als „Kameradenschweine“, was die Tonlage des Nachmittags gut beschreibt. Laschet mit Krawatte wird jedenfalls als etwas staatstragender beschrieben, Söder ohne Krawatte als angriffslustiger. Dass der CSU-Chef rhetorisch die Nase vorn hat, ist später unbestritten. Das wusste man aber vor der Sitzung schon. Söder spricht länger als Laschet, pocht auf die „maximal beste Aufstellung, um erfolgreich zu sein – nicht nur die angenehmste“. Ein klarer Seitenhieb auf die so einmütige CDU-Spitze. „Wenn Umfragen lange stabil sind, wird das bei der Wahl nicht viel anders sein“, sagt der CSU-Chef laut Teilnehmern. „Umfragen spielen eine große Rolle.“
Für Laschet entwickelt sich dieser Nachmittag zum Debakel. Ein Abgeordneter nach dem anderen meldet sich zu Wort. Zwei Drittel unterstützen den Bayern. Norbert Barthle aus Baden-Württemberg sagt: „Nutzen wir die historische Gelegenheit, wenn die große Schwester etwas durch den Wind ist, dass wir uns in den Windschatten der kleineren Schwester stellen.“ Seine Parteifreundin Karin Maag berichtet über Druck von der Basis: „Bei mir laufen im Wahlkreis die Telefone heiß, weil die Menschen wollen, dass ich Markus Söder unterstütze – und das tue ich heute.“ Ein anderer Kollege aus Baden-Württemberg verliest Nachrichten von Wählern aus seiner Heimat, die mit Parteiaustritt drohen, wenn Laschet Kandidat wird.
Der CDU-Chef reagiert offenbar überrascht auf die vielen Pro-Söder-Wortmeldungen. „Er sieht schockiert aus, ringt um Fassung“, berichtet ein Abgeordneter. Doch auch Laschet hat seine Anhänger mobilisiert – viele aus NRW. Auch der baden-württembergische Außenpolitiker Roderich Kiesewetter sagt: „Beide können es. Ich spreche mich für Armin Laschet aus.“ Kurz vor Schluss meldet sich der zuletzt arg gescholtene Jens Spahn zu Wort: „Ich habe mich gemeldet, weil ich selbst erlebt habe, wie das mit Umfragen ist …“
Söder zeigt sich in seinem Schlusswort „gerührt“ von der Unterstützung. Man müsse das jetzt sacken lassen. Laschet spricht dagegen von einer „Breite“ der Meinungen und rügt Kritik der Medien an ihm. „Glaubt denn irgendeiner, dass das aufhört, wenn wir jetzt Markus Söder zum Kandidaten machen? Das wird genauso weitergehen.“
Noch diese Woche wollen er und Laschet sich abschließend besprechen, sagt Söder nach der Sitzung. Auch Laschet will noch diese Woche „eine gute Entscheidung“.