München – Das Hin und Her um Astrazeneca nimmt kein Ende. Erst wurden die Impfungen nur für junge Menschen zugelassen, dann komplett gestoppt – und plötzlich sollten nur noch Menschen über 60 das Vakzin bekommen. Wer jünger ist und bereits eine Dosis bekommen hat, soll jetzt sogar die Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff erhalten. Dazu kommen: immer wieder gekürzte und verspätete Lieferungen. Die EU-Kommission distanziert sich jetzt von dem Problem-Impfstoff – und will bei den nächsten Bestellungen vor allem auf mRNA-Impfstoffe setzen, also auf Biontech und Moderna.
Dänemark hat Astrazeneca nun sogar komplett aus seiner Impfkampagne gestrichen. Man könne auf ihn verzichten, weil die Pandemie derzeit ohnehin unter Kontrolle sei, heißt es von dänischen Behörden. In Deutschland herrschen aber andere Zustände. Die Zahl der Neuinfektionen und der Todesfälle steigt rasant. Zuletzt wurden fast 22 000 Infektionen binnen eines Tages gemeldet – mehr als doppelt so viele wie vor einer Woche.
Angesichts dieser Lage werden die Rufe nach mehr Tempo in der Impfkampagne immer lauter. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) fordern eine stärkere Einbindung der Hausarztpraxen in die Impfaktion. Die Praxen hätten in Bayern 99,2 Prozent des gelieferten Impfstoffs verbraucht, heißt es aus dem Zentralinstitut der kassenärztlichen Versorgung. In den Impfzentren seien es nur knapp 93 Prozent, wobei dort zum Teil auch Vorräte für Zweitimpfungen zurückgehalten werden.
Nun befürchtet man, dass Astrazeneca als umstrittener Impfstoff das Tempo in den Praxen wieder bremsen könnte. Grundsätzlich sollen in bayerischen Impfzentren ab 19. April keine Termine mehr für Erstimpfungen mit Astrazeneca vergeben werden – stattdessen soll das Vakzin nur noch in Praxen gespritzt werden. „Wir erhalten aus den Praxen unterschiedliche Rückmeldungen“, heißt es von der Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB). „Teilweise wird geschildert, dass es vor der Impfung mit Astrazeneca einen erheblichen Erklärungsaufwand benötigt.“ Insbesondere sorge bei den Praxen für Ärger, dass es „an Planbarkeit und Verlässlichkeit“ in Bezug auf Astrazeneca mangelt.
Auch aus Impfzentren heißt es, dass der Stoff nicht ausreichend angenommen werde. Etwa im Impfzentrum in Peißenberg im Landkreis Weilheim-Schongau: Hier gibt es Hunderte freie Termine an den Tagen, an denen nur Astrazeneca verimpft werden soll.
Laut Gesundheitsministerium sind bislang 938 000 Dosen Astrazeneca-Impfstoff nach Bayern geliefert worden. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) sind davon aber nur rund 560 000 Dosen verimpft worden. Ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums sagte gegenüber unserer Zeitung, dass es dennoch keine größeren Bestände an Astrazeneca-Impfdosen in den zentralen Impfstofflagern des Freistaats gebe. „Es kann natürlich sein, dass es in Impfzentren Vorräte gibt“, so der Sprecher. Bisher habe man auch kaum etwas wegwerfen müssen – bis auf knapp 3000 Dosen, die während des Impfstopps abgelaufen waren.
Spielräume, mit übrig gebliebenem Astrazeneca nun in den Praxen Menschen zu impfen, die laut Impfpriorisierung noch nicht an der Reihe sind, sieht die KVB nicht. Je nach lokalem Impf-Fortschritt können maximal Personen der Priorität 3 geimpft werden. Das sind zum Beispiel Menschen ab 60, Personen mit Vorerkrankungen und Kontaktpersonen von Pflegebedürftigen.