München – Die Ankündigungen des Herstellers Johnson & Johnson klangen vielversprechend: Sein Impfstoff sei gut transportabel und lagerbar, zudem reiche eine Impfdosis. Das alles bestätigte sich in der Praxis. In den USA wird der Vektorimpfstoff, den die niederländische Konzerntochter Janssen entwickelte, seit Monaten eingesetzt. Doch nun gab es – kurz vor dem geplanten Auslieferstart in Europa – Berichte über seltene schwere Nebenwirkungen. Die Folgen für den Impffortschritt sind noch nicht absehbar.
Wie zuvor schon beim ähnlich aufgebauten Impfstoff von Astrazeneca wurden nach Verabreichung vereinzelt Sinus-Venenthrombosen beobachtet. In den USA ist der Einsatz des Johnson & Johnson-Impfstoffes seit Dienstag vorübergehend ausgesetzt. Für Europa stoppte der Hersteller selbst den für diese Woche geplanten Marktstart. Jetzt soll geklärt werden, ob und wie sich der Impfstoff zukünftig einsetzen lässt. US-Behörden prüfen die Berichte zu Blutgerinnseln, die Europäische Arzneimittelbehörde EMA will nächste Woche ein Gutachten vorlegen, sieht aber bislang keinen Anlass, auf den Impfstoff zu verzichten.
„Man wird wahrscheinlich auch hier wieder darüber nachdenken müssen, ob man den Impfstoff bei den über 60-Jährigen spezifisch einsetzt“, glaubt SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Die Komplikationen seien so selten, dass der Impfstoff wohl nach einiger Zeit wieder verimpft werde.
In den USA wurden bei sechs Millionen Impfungen mit Johnson & Johnson sechs Blutgerinnsel gemeldet. Bei Astrazeneca passte man in Deutschland die Impfempfehlung an, nachdem einzelne Throbosefälle vor allem bei Menschen unter 60 Jahren beobachtet wurden. Mediziner sehen eine mögliche Ursache für die Gerinnsel in der Art des Impfstoffes.
Clemens Wendtner, Chefarzt an der München Klinik Schwabing, sagt: „Wir haben im Fall von Johnson & Johnson die gleichen Nebenwirkungen, die bei Astrazeneca aufgetaucht sind.“ Es stelle sich die Frage, ob die als Vektoren genutzten Adenoviren die Probleme auslösen. Bei beiden Vakzinen wird mittels dieser abgeschwächten Erkältungsviren die Information zur Produktion von Antikörpern in den Körper gebracht.
Ob und wann das Vakzin von Johnson & Johnson in Europa zum Einsatz kommt, ist offen – und damit auch mögliche Auswirkungen für den Impffortschritt in Deutschland. Auf das gesamte Jahr gesehen wäre selbst ein Totalausfall wohl zu verkraften. Dann sollen große Mengen auch von Moderna kommen. Aber im zweiten Quartal könnte sich die Zahl durchführbarer Impfungen merklich reduzieren. Bis Juni plant das Bundesgesundheitsministerium mit zehn Millionen Dosen Johnson & Johnson.
Für Bayern sei kein Einfluss auf die Impfkampagne zu erwarten, teilt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums mit. Dem Freistaat waren für kommende Woche 36 000 Dosen Johnson & Johnson zugesagt. Der Einsatz sei bis Ende Juni nur für Modellprojekte geplant gewesen. sr/kr/dpa