Berlin – Sechs Monate. Darum ging es, als der Bundestag am 22. Dezember 2001 darüber abstimmte, ob die Bundeswehr sich an einer internationalen „Friedenstruppe“ in Afghanistan beteiligen soll. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) warb ausdrücklich mit dem kurzen Einsatzzeitraum um Zustimmung. „Ich denke, wir sollten jetzt keine abstrakten Diskussionen über die Frage führen, ob sechs Monate ausreichen oder nicht, sondern deutlich machen: Es handelt sich um ein von den Aufgaben her, vom Einsatzort und von der Zeit her begrenztes Mandat.“
Es kam anders, ganz anders, als Schröder sich das damals ausmalte. Aus den sechs Monaten wurden fast zwei Jahrzehnte. Zum damaligen Einsatzort Kabul und Umgebung kam ein riesiges Gebiet im gebirgigen Norden Afghanistans hinzu. Und aus der Aufgabe Friedenssicherung wurde Krieg gegen die aufständischen Taliban. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wurden deutsche Soldaten wieder in stundenlange Gefechte verwickelt. Erstmals führten sie wieder offensive Operationen durch. 59 deutsche Soldaten kamen in Afghanistan ums Leben, 35 davon in Gefechten oder bei Anschlägen.
Nun ist das Ende des verlustreichsten und teuersten Einsatzes der Bundeswehrgeschichte mit einem Nato-Beschluss besiegelt. Die Bundesregierung, die sich lange für die Koppelung des Abzugs an den Erfolg der laufenden Friedensverhandlungen eingesetzt hat, fügt sich dem Willen des amerikanischen Bündnispartners. „Wir haben immer gesagt, wir gehen gemeinsam rein, wir gehen gemeinsam raus“, sagt Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU).
Kein europäischer Bündnispartner ist willens und in der Lage, die US-Kräfte zu ersetzen. Die Nato-Truppe zieht ab, bevor das Ziel erreicht ist. Von Frieden ist Afghanistan weit entfernt. Es ist ein unvollendeter Einsatz.
Möglicherweise wird Deutschland als zweitgrößter Truppensteller seine Soldaten sogar noch früher nach Hause holen als die USA. US-Präsident Joe Biden hat den 11. September als Abzugstermin festgelegt – den 20. Jahrestag der verheerenden Anschläge des Terrornetzwerks Al-Kaida in den USA. Kramp-Karrenbauer nannte in einer Unterrichtung der Außen- und Verteidigungspolitiker im Bundestag Mitte August.
1100 Soldaten sollen bis dann aus dem nordafghanischen Masar-i-Scharif und der Hauptstadt Kabul nach Hause zurückkehren. Das könnte noch einmal brenzlig werden für die Truppe. „Die Gefahren durch Angriffe von außen dürfen ebenso wenig vernachlässigt werden, wie das Risiko durch mögliche Innentäter“, warnt der Chef des Bundeswehrverbands, André Wüstner. Er fordert den Einsatz zusätzlicher Spezialkräfte zum Schutz der Operation.
Der Abzug ist seit Langem vorbereitet. Die ersten 500 Container mit Material wurden bereits abtransportiert. Weitere 800 sollen jetzt noch folgen. Es wird alles eingepackt, was irgendwie noch brauchbar ist – vom Sanitätskoffer bis zum gepanzerten Fahrzeug. Das wirklich schwere Gerät wie der Schützenpanzer „Marder“ oder die Panzerhaubitze 2000 wurde bereits vor Jahren nach dem Ende des Kampfeinsatzes der Bundeswehr ausgeflogen.
Fest steht, dass der Einsatz die Truppe so stark geprägt hat wie kein anderer. 160 000 Soldaten sind für je vier bis sechs Monate nach Afghanistan geschickt worden, manche mehrmals. Mehr als 5500 erhielten die Einsatzmedaille Gefecht, waren also an Kampfhandlungen beteiligt. Afghanistan machte die Bundeswehr, die bis in die 90er ganz auf Landesverteidigung ausgerichtet war, zu einer echten Einsatzarmee.
Ob sich der Einsatz wirklich gelohnt hat, wird erst die weitere Entwicklung der Friedensbemühungen in den nächsten Jahren zeigen. Der frühere Generalinspekteur Harald Kujat sieht das sehr pessimistisch: „Die Taliban sind politisch stark und werden auch militärisch stärker. Innerhalb kürzester Zeit werden sie die Macht in Afghanistan übernehmen.“