München/Berlin – Wenn Franz Josef Strauß 1979 und 1980 in seinem Wahlkampf auftrat, waren die Gegner fast immer schon da. Eine Traube bewaffneter Polizisten musste ihn schützen vor Störern, linken Gegendemonstranten, mitunter gab es brennende Barrikaden und über 100 verletzte Beamte. Strauß blieb stets unverletzt. Nur vor einem Gegner war der CSU-Kanzlerkandidat von niemandem zu schützen: Die eigene Schwesterpartei CDU arbeitete sich monatelang erst besorgt und dann zornig an ihm ab.
„Schieres Entsetzen“ titelte das Magazin „Spiegel“ schon Ende 1979 und beschrieb in dieser und vielen folgenden Ausgaben, wie sich Teile der CDU vom teils auch unglücklich agierenden Wahlkämpfer Strauß abwendeten. Er sei „mit einem Bier zu viel“ in eine Fernsehdebatte gelaufen, er sehe auf Fotos zu dick aus, höhnten CDU-Leute. Der „Spiegel“ zitiert CDU-Generalsekretär Heiner Geißler mit dem Satz, Strauß-Aufkleber würden sich nur jemand „an das Autoheck kleben, der andere Verkehrsteilnehmer auf Abstand halten will“. Geißler weigerte sich anfangs, eine Wahlkampfzentrale für Strauß in Bonn anzusiedeln. Und einem wichtigen CSU-Parteitag blieben fast alle CDU-Granden fern. „Distanzierte Solidarität“ sei das, klagte das damalige CSU-Zentralorgan „Bayernkurier“.
Das alles, weil die K-Frage 1979 in heftigem Streit der Union entschieden worden war. Per Kampfabstimmung in der Bundestagsfraktion rang Strauß den CDU-Politiker Ernst Albrecht nieder.
Wiederholt sich das gerade bei Söder–Laschet? In beiden Parteien, auch bei erfahrenen CSU-Größen, wachsen große Sorgen, wie ein Sieger des Duells je in die Wahl im Herbst ziehen will, wenn die jeweilige Schwesterpartei höchstens teilweise begeistert ist. Das gilt für jede Konstellation. Er werde, falls nicht Söder kandidiere, „in meinem Wahlkreis den Wahlkampf dann weitgehend alleine führen müssen“, sagte beispielsweise ein Freiburger CDU-Abgeordneter in der Fraktion.
Es geht um die großen Kämpfe der Parteigranden, um Gelder und Wahlkampfzentralen – aber auch um die Frage, ob am Dorf ehrenamtlich die Junge Union Plakate kleben mag. Oder halt nicht. „Du merkst einer Partei recht schnell an, ob sie Lust hat oder nicht“, sagt ein erfahrener Wahlkämpfer aus Stoibers Kanzlerkandidatur 2002.
Damals gab es wenig Probleme, dank friedlicher Lösung mit Wolfratshauser Frühstück. Die CDU arbeitete, dachte, zahlte nach ersten Gewöhnungsproblemen gut mit. Stoibers Stab im Berliner Konrad-Adenauer-Haus wurde gemischt aus beiden Parteien besetzt, CDU-Chefin Merkel machte viele Termine auch für Doppel-Auftritte frei. Resultat: Stoiber holte fast 59 Prozent in Bayern, die Union 38,5 bundesweit. Auch bei Manfred Webers Europa-Kandidatur 2019 lief es zumindest bis zum Wahltag fair und verlässlich, schildern CSU-Führungsleute.
Dass es anders geht, blitzte seit Strauß ab und zu auf. 1998, als die CSU wenig Lust hatte auf Kohl-Plakate (allerdings nicht nur ein bayerisches Problem). 2008, als die CDU vor der bayerischen Landtagswahl den schlecht gelittenen CSU-Chef Erwin Huber bei dessen Vorstoß zur Pendlerpauschale baden gehen ließ. 2016/17, als der von der CSU befeuerte Migrations-Streit der CDU Landtagswahlen verhagelte. Und in Bayern 2017, als Kanzlerin Merkel auf Marktplätzen ausgepfiffen wurde. Oder 2018, als sich Söder in seinem Bayern-Wahlkampf brüstete, zur Abschlusskundgebung keine Kanzlerin Merkel, sondern Kanzler Kurz aus Österreich eingeladen zu haben.
Auffällig: In allen beschriebenen Streit-Fällen waren die Wahlergebnisse von CDU/CSU mau bis verheerend.