MIKE SCHIER
Der eigentliche Gewinner des Tages war der Verlierer: Robert Habeck bewies bei der Ausrufung von Annalena Baerbock zur Kanzlerkandidatin echte Größe. Gleichzeitig versetzte er indirekt Markus Söder und Armin Laschet einen heftigen Tritt, weil sie durch seinen Auftritt noch mehr wirkten wie bockige Buben, die sich ums Sandförmchen balgen. Ansonsten kam der politische Hauptgegner in der arg pathetischen Präsentation der Grünen überhaupt nicht vor. Ihre klare Botschaft: Wir stehen für einen neuen Stil – auf euren Streit lassen wir uns gar nicht erst ein. Die Union sah da ziemlich alt aus.
Es ist ein spannendes Experiment, dem Deutschland in den nächsten Monaten beiwohnen darf: Erstmals greift eine junge Frau ohne jegliche Regierungserfahrung nach dem wichtigsten Amt des Landes, vielleicht sogar Europas. Mit blumigen Wortgirlanden allein wird sie nicht weit kommen. Doch unterschätzen sollte man Baerbock keinesfalls. Zudem könnte die 40-Jährige gerade den knallharten Wahlkämpfer Söder an die Grenzen seiner staatsmännischen Schauspielkunst führen. Er konnte sich ja bislang schon nicht entscheiden, ob er die Grünen attackieren oder als Koalitionspartner umgarnen will.
Letztlich sollte er sich vor allem das Programm der Ökopartei ansehen. Gegen Zukunftsinvestitionen lässt sich wenig sagen, doch dafür die Schuldenbremse aufzuweichen, müsste alle Alarmglocken klingeln lassen – gerade nach dem sündteuren Corona-Kampf. In der Pandemie scheint es zudem selbstverständlich geworden, dem guten Zweck auch persönliche Freiheitsrechte zu opfern. Die Grünen würden das fürs Klima am liebsten nahtlos fortführen. Hier muss sich die Union – auch ihr selbst ernannter Klimaaktivist Söder – klar abgrenzen.
Mike.Schier@ovb.net