Laschet will Entscheidung erzwingen

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

Berlin/München – Laschet lächelt, und so beginnt dieser Tag schon mal rätselhaft. Der CDU-Vorsitzende, der in diesen Tagen wirklich wenig zu lachen hat, tritt mit einem Schmunzeln vor die Pforte seiner Parteizentrale in Berlin und referiert zur Lage. „Wir müssen menschlich miteinander fair umgehen“, sagt er. „Das muss man ohnehin in Wahlkämpfen, ganz besonders in diesen Zeiten der Pandemie, wo die Menschen existenzielle Ängste haben.“

Vielleicht freut sich Laschet so, weil er die Doppeldeutigkeit seiner Sätze genau kennt. Er spricht offiziell über die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, gratuliert ihr höflich zur Nominierung. In Wahrheit zielt jedes Wort nach München. Es ist der versteckte Vorwurf, dass CSU-Chef Markus Söder genau das nicht beherzigt im unionsinternen Wahlkampf um die K-Frage: fair spielen, offen, menschlich. Man wisse aus den USA, wie lange das Versöhnen nach Polarisierung dauere: „Das sollten wir uns in Deutschland ersparen.“

Aber was erspart sich die Union schon in diesen Tagen? Seit einer Woche kämpfen Laschet und Söder verbissen um die Kandidatur, viele sagen: brutal. Mehrere Vermittlungsversuche scheiterten. Lockangebote (Superministerämter für Laschet, vielleicht sogar die Bundespräsidentenwahl 2022) wurden abgelehnt. In der Nacht auf Montag saßen die Kontrahenten sogar dreieinhalb Stunden in Berlin zusammen, rangen – flankiert von den Unterhändlern Alexander Dobrindt, Markus Blume (CSU), Volker Bouffier und Wolfgang Schäuble (CDU) – um eine Lösung und gingen ohne auseinander. Derweil stritten sich ihre Unterstützer aus der dritten Reihe, bis hin zu Vorwürfen, die CSU wolle die CDU „zerstören“.

Das ist eine Lage, in der man in der Politik einem Lächeln nicht trauen sollte. Oder schönen Worten. Sie kommen an diesem Tag auch aus Bayern. Während Laschet wieder verschwindet, tritt in München Söder vor die Kameras. Er lächelt nicht, wirkt etwas müde – aber seine Botschaft hat es ebenso in sich.

Söder gibt sich ganz demütig und fromm: Als hätte man sich nicht tagelang wüst gestritten, legt er die Entscheidung über die K-Frage einfach in die Hände der CDU. „Das entscheidet die CDU souverän. Wir fordern nichts. Wir sind die kleine Schwester. Wir können uns nicht überheben.“ Söder sagt, sein Angebot stehe. Aber er werde auch einen Kanzlerkandidaten Laschet mittragen. Er werde dann selbst nicht für den Bundestag kandidieren, aber „ohne Groll“ Wahlkampf für die Union machen. „Da bleibt jedenfalls bei mir und uns nichts hängen.“

Was Söder da plant, dämmert selbst seinen Führungsleuten in seiner CSU spät. Geordneter Rückzug, sagen manche, eine geniale Strategie wittern andere. Eher Letzteres: Söders Beharren auf die Kandidatur hat in der CDU einen Erdrutsch losgetreten. In der Unionsfraktion meldeten sich dutzende Abgeordnete mit dem Ruf nach dem Umfragekönig Söder, auch an der Basis in vielen Landesverbänden ist der Bayer populärer, die Junge Union ist gekippt.

Und genau dieser Rutsch setzt sich am Montagabend stundenlang spektakulär fort. Um 18 Uhr kommt der CDU-Vorstand zusammen, Laschet will in diesem Gremium eine Entscheidung für sich erzwingen. Er setzt dafür seine komplette politische Zukunft aufs Spiel – ein Votum des Vorstands gegen den neuen Parteivorsitzenden, das wäre kaum zu überleben. Er wolle kandidieren, sagt Laschet in die Runde. „Ich ermutige Euch zu einer offenen Debatte.“ Es folgen vier Stunden Debatte und weit über 40 Wortmeldungen (bei Druck dieser Ausgabe noch nicht beendet).

Für Laschet sind gute Momente dabei. Seine Vorgängerin Annegret Kramp-Karrenbauer wirft sich für ihn ins Zeug: Wer Laschet zum Parteichef gewählt habe, müsse seine Kanzlerkandidatur stützen; ähnlich Thomas Strobl, der Baden-Württemberger und Daniel Günther aus dem Norden. Gegen Laschet redet allerdings mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier ein Merkel-Vertrauter. „Viele werden enttäuscht sein“, wenn der Vorstand jetzt Laschet nominierte, sagt Altmaier kühl. Es folgen die Chefs großer Landesverbände.

Für Laschet ist in diesem Moment klar: Es geht um alles oder nichts, Ausgang offen. Und selbst wenn er gewinnt, wenn Söder abwinkt – wie soll auf diesem Scherbenhaufen ein Wahlkampf gelingen? Von Laschets Schmunzeln ist nichts mehr übrig.

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