Washington – Keine Frage, man merkt dem ältesten amtierenden US-Präsidenten der Geschichte die 78 Jahre an. Joe Biden stolpert gleich mehrfach beim Besteigen des „Air Force One“-Jets. Er sucht fast eine Minute lang nach seiner Maske, als er kürzlich vor dem Weißen Haus eine Rede hält, bevor er sie dann in der Jackentasche seines Anzugs findet. Er vermeidet bei den wenigen öffentlichen Auftritten die freie Rede. Und wenn bei den raren Pressekonferenzen Reporter Fragen stellen wollen, müssen sie diese zuvor einreichen.
Das alles erklärt auch, warum sich das öffentliche Interesse seit dem 20. Januar dieses Jahres auf Bidens Stellvertreterin Kamala Harris richtet. Die 56-Jährige ist für viele Beobachter die designierte Präsidentin im Wartestand. Wenn ihr Chef die Amtszeit von vier Jahren gesundheitlich nicht durchhalten sollte, würde die erste Frau im zweithöchsten Regierungsamt zur ersten Präsidentin der Vereinigten Staaten.
Eine Premiere gab es bereits bei der jüngsten Jungfernrede Bidens vor dem Kongress. Hinter ihm saßen mit Nancy Pelosi, der Präsidentin des Repräsentantenhauses, und Kamala Harris erstmals zwei Frauen. Doch dieser Termin dürfte auch für die weiteren Ambitionen von Harris, deren steiler Aufstieg sie über die Berufe Anwältin, Staatsanwältin, Justizministerin Kaliforniens und Senatorin fast bis auf den Gipfel der Macht brachte, ein Dämpfer gewesen sein. Joe Biden wirkt nämlich trotz seiner gelegentlichen Momente der Gebrechlichkeit wie ein politischer Formel 1-Fahrer, der vom Start aus nur eines kennt: Vollgas. Weil von den Republikanern nur Blockade zu erwarten ist, hat er vorwiegend mit dem Instrument der Exekutiv-Verfügungen versucht, die Arbeit seines Vorgängers Donald Trump umzukehren. Statistisch gesehen gab es bisher jeden zweiten Tag eine solche Anordnung. Hinzu kommen nun Hilfspakete in Billionenhöhe für die Infrastruktur im Land und für Amerikas Familien, die er durch höhere Belastungen für Reiche gegenfinanzieren will. Die noch unter Trump entwickelten Impfstoffe hat der Demokrat schneller als geplant unters Volk gebracht. All dieser Aktionismus passt überhaupt nicht zu einem Senior im „Oval Office“, der vielleicht heimlich daran denkt, nach zwei Jahren in Pension zu gehen. Im Gegenteil: Biden sprach kürzlich sogar von einer erneuten Kandidatur im Jahr 2024.
Weil Biden nun offenbar vermeiden will, dass seine Vizepräsidentin ihr Profil zu seinen Lasten allzu schnell schärft und damit für die breite Wählerschaft attraktiver wird, hat er ihr die undankbarste aller innenpolitischen Aufgaben übertragen: Sich der Krise beim Thema Migration zu widmen. Biden hatte anfänglich unterschätzt, dass seine Abkehr von der Trump-Abschottungspolitik von Menschen südlich der US-Grenze als Einladung interpretiert werden würde, sich auf den Weg zu machen. Seitdem werden die Grenzbehörden vor enorme logistische Probleme gestellt. Und die soll nun Harris lösen.
Eine Reise an die Südgrenze der USA hat die Politikerin mit afro-amerikanischen und asiatischen Familien-Wurzeln bisher bewusst vermieden – wohl wissend, dass die Bilder von unbegleiteten Kindern und Jugendlichen in Notunterkünften ihr nicht helfen würden. Bidens Kalkül dürfte sein: Er gibt seiner ambitionierten Stellvertreterin eine Aufgabe, bei der sie kaum punkten kann, und lenkt gleichzeitig von seiner Mitverantwortung für die Grenz-Misere ab.