Der Traum von der Aufholjagd

von Redaktion

VON THERESA MÜNCH UND BASIL WEGENER

Berlin – Um die Kanzlerkandidatur von Armin Laschet gab es vor knapp drei Wochen riesiges Tamtam in der Union, Annalena Baerbocks Grüne führen nach der Kür ihrer Kanzlerkandidatin die Umfragen an – nur um Olaf Scholz und seine SPD ist es bis heute ziemlich still. So still, dass die ersten Sozialdemokraten ihre Sorge öffentlich äußern. Wer im Fußball mit 0:2 zurückliege, sagte der rheinland-pfälzische SPD-Chef Roger Lewentz neulich, der müsse doch angreifen und nicht nur „auf Ergebnis halten“ spielen.

Tatsächlich scheinen die Sozialdemokraten vier Monate vor der Wahl in Umfragen auf 14 bis 16 Prozent festgetackert. Dabei meinen sie im Willy-Brandt-Haus, seit Monaten eigentlich alles richtig zu machen: Als Erste hatten sie einen Kanzlerkandidaten, früh einen Programmentwurf. Doch die Aufbruchsstimmung fehlt. Schafft die SPD noch die Aufholjagd?

Offiziell sieht die Parteiführung die Sache so: Dass die SPD-Spitze Vizekanzler Scholz schon im August 2020 als Kanzlerkandidaten vorgeschlagen hat, brachte Berechenbarkeit. Die SPD habe sich so Luft fürs Corona-Krisenmanagement in der Regierung geschaffen. Bei der Erarbeitung des Wahlprogramms sei die Partei breit eingebunden gewesen, sagt Generalsekretär Lars Klingbeil. 1000 Leute schrieben mit, eine ziemliche Großveranstaltung. Jetzt gebe es kaum noch Änderungsanträge.

„Natürlich sehe ich die Umfragen“, sagt Klingbeil. 600 Delegierte sollen beim Online-Parteitag am Sonntag den Startschuss für den Wahlkampf geben und Scholz als Kandidaten bestätigen. In den Konvent gehe man in dem Bewusstsein, „dass wir aufholen müssen“, räumt der Parteimanager ein. Doch Klingbeil kann darauf verweisen, dass die Umfragen für SPD-Spitzenkandidaten zuletzt öfters schlechter aussahen als das Wahlergebnis. Bei Malu Dreyer im März in Rheinland-Pfalz, Peter Tschentscher 2020 in Hamburg, Dietmar Woidke 2019 in Brandenburg.

Schafft Scholz diese Wende auch? Von Annalena Baerbock ist ein Foto mit Handstand in Erinnerung, den sie auf die Interview-Frage machte, ob sie sich das Amt der Bundeskanzlerin vorstellen könne. Bei Scholz war gefühlt schon immer klar, dass er sich ohne Zweifel für kanzlerfähig hält. Ihm wird zwar das Charisma eines Buchhalters nachgesagt. Aber die Hoffnung bei den Sozialdemokraten ruht auch auf der Annahme, dass die Wählerinnen und Wähler aus den rot-grünen Milieus lieber einen obersten Buchhalter für die krisengeschüttelte Nation sehen würden als eine frische Vorturnerin. Erfahrung, Seriosität, Entscheidungsstärke – das sind so Begriffe, die Klingbeil benutzt, wenn er über Scholz spricht.

Tatsächlich halten die Bürger Scholz in einer neuen Umfrage für die ARD für führungsstärker als Laschet und Baerbock. Glaubwürdiger und sympathischer finden sie Baerbock. Und das scheint – zumindest in den Umfrage – den Unterschied zu machen: Als Kanzlerin käme Baerbock für die meisten eher infrage, Scholz und Laschet liegen gleichauf, aber abgeschlagen.

Über den CDU-Chef ätzt der SPD-Generalsekretär, der kriege ja schon in der CDU Führung nicht hin. „Wovon ich ausgehe, ist, dass Laschet sich in diesem Wahlkampf nicht erholen wird“, sagt Klingbeil. Als es zwischen den Anwärtern Markus Söder und Laschet wild hin und her ging, war aus dem Willy-Brandt-Haus wenig zu hören. Als Laschet dann gekürt war, gratulierte Scholz mit zart ironischem Unterton: „Er ist jetzt ganz offensichtlich der Kanzlerkandidat der beiden Unionsschwestern.“

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