„Die Wunden müssen geheilt werden“

von Redaktion

Ökumenischer Kirchentag ruft zu Zusammenhalt in Kirchen und Gesellschaft auf – Streit um das Abendmahl hält an

Frankfurt – Das typische Gemeinschaftsgefühl war Fehlanzeige beim 3. Ökumenischen Kirchentag (ÖKT), der gestern zu Ende ging und wegen Corona vorwiegend digital stattfinden musste. Und so saßen die gut 160 000 Teilnehmer übers Land verstreut vor ihren Bildschirmen, verfolgten Foren, Diskussionen und Bibelstunden.

Trotzdem zogen die Veranstalter in Frankfurt eine positive Bilanz des bundesweiten Christentreffens. Der ÖKT habe wichtige Impulse für die Ökumene gesetzt, die Kirchen hätten Position zu drängenden politischen Fragen der Zeit bezogen. Zudem widmete sich der ÖKT kirchlichen Debatten wie der Aufarbeitung von Missbrauch und der Frage gemeinsamer Mahlfeiern. Der Limburger Bischof und Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, geht nach eigenem Bekunden „sehr gestärkt in die Zukunft“. Er sei dankbar, dass die Kirchen in der Ökumene „eng zusammengerückt“ seien.

Mit wechselseitigen Einladungen zum Abendmahl haben katholische und evangelische Christen in Frankfurt „Zeichen der Einheit“ gesetzt. In vier Präsenz-Gottesdiensten waren Katholiken eingeladen, am evangelischen Abendmahl teilzunehmen, während Protestanten umgekehrt die katholische Eucharistie mitfeiern konnten. Die wechselseitige Teilnahme am Abendmahl ist ein wesentlicher theologischer Dissens im Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten. Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der frühere Präfekt der Glaubenskongregation, sprach denn auch gleich von einer Provokation. „Niemand kann eigenmächtig und nach eigenem Gusto die Gegensätze zwischen evangelisch-protestantischem und katholischem Glaubensbekenntnis für nebensächlich erklären oder ignorieren“, teilte er mit. Wer sich im Widerspruch zur katholischen Lehre verhalte, sei nicht mehr katholisch.

Die Äußerungen unterstreichen den Balanceakt, den der DBK-Vorsitzende Bätzing vollführen muss: Die große Mehrheit der Katholiken in Deutschland drängt auf schnelle Reformen, doch der Vatikan blockt ab – das betrifft auch die Segnung homosexueller Paare und den Wunsch vieler Gläubigen nach einer Priesterweihe von Frauen.

Unter Bezug auf das Kirchentagsmotto „schaut hin“ rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gestern zu Versöhnung auf. „Wir müssen die Wunden heilen, die Corona in unserer Gesellschaft geschlagen hat.“ Bei vielen Menschen sei die Geduld erschöpft, „die Nerven liegen blank“. Freundschaften seien zerbrochen, Familien entzweit worden, tiefe Risse gingen durch die Gesellschaft. „Wir müssen Brücken bauen zwischen Menschen und Gruppen, die die Pandemie verfeindet hat.“

Traditionell sind Kirchentage Orte für Diskussionen mit Politikern. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) erklärte am Samstag, die Begleichung der in der Corona-Krise aufgenommenen Schulden werde im Wesentlichen durch Wachstum gelingen. Gleichzeitig könne es aber keine Steuerentlastungen für Menschen geben, die „sehr, sehr reich“ sind, sagte der SPD-Kanzlerkandidat. Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock verlangte Marktregeln und eine Förderpolitik, die erneuerbaren Energien den Vorrang gibt. CDU-Chef Armin Laschet sagte, mit seinem Klima-Urteil Ende April habe das Bundesverfassungsgericht „uns ins Stammbuch geschrieben, dass wir nicht nur im Jetzt leben können“, sondern auch künftige Generationen in den Blick genommen werden müssten.  kna/dpa/cm

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