Israel greift Hamas-Spitze an

von Redaktion

VON JOHANNES SADEK UND CINDY RIECHAU

Tel Aviv/Gaza – Nach massiven Raketenangriffen aus dem Gazastreifen hat Israels Luftwaffe das Haus des Hamas-Chefs Jihia al-Sinwar im Süden des Küstengebiets beschossen. Das Gebäude in Chan Junis habe als „militärische Infrastruktur der Terrororganisation Hamas“ gedient, teilte die israelische Armee gestern mit. Das Militär hatte der Führungsriege der im Gazastreifen herrschenden, islamistischen Palästinensergruppe Hamas zuvor mit gezielter Tötung gedroht.

Militante Palästinenser im Gazastreifen beschossen in der Nacht den Großraum Tel Aviv sowie weitere israelische Ortschaften mit zahlreichen Raketen. Seit Beginn der Eskalation am vergangenen Montag feuerten sie nach Armeeangaben rund 2900 Raketen auf Israel ab. Israels Armee unternahm demnach mindestens 650 Angriffe in dem dicht besiedelten Küstengebiet.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden dort bislang 192 Menschen getötet und 1200 verletzt. Wie der Rettungsdienst Magen David Adom mitteilte, kamen in Israel durch den Raketenbeschuss der vergangenen Tage zehn Menschen ums Leben, Hunderte wurden verletzt. In Ost-Jerusalem wurden zudem am Sonntag bei einem Anschlag mit einem Auto mehrere Menschen verletzt. Der Konflikt griff zuletzt auf arabischgeprägte Orte im israelischen Kernland über. In mehreren Städten kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Juden und arabischen Israelis. Dies schürte Sorgen vor einer weiteren Spaltung der Gesellschaft.

Nach Angaben der israelischen Armee wurden zuletzt Büros und Häuser wichtiger Hamas-Mitglieder attackiert. Auch das Haus von Al-Sinwars Bruder Mohammed, ebenfalls ein ranghohes Hamas-Mitglied, sei angegriffen worden. Als Teil der fortwährenden Angriffe auf das unterirdische Tunnelnetzwerk der Hamas, der sogenannten Metro, seien 30 weitere Ziele bombardiert worden. Außerdem habe die Luftwaffe Dutzende Waffenlager und Raketenabschussrampen beschossen. Binnen 24 Stunden habe die Luftwaffe 90 Ziele militanter Palästinenser angegriffen. Nach palästinensischen Angaben waren es die bisher schwersten Luftangriffe im Gazastreifen.

In der Stadt Gaza wurden nach Augenzeugenberichten fünf Häuser zerstört. Man befürchte viele Tote und Verschüttete unter den Trümmern. Das Gesundheitsministerium in Gaza teilte gestern mit, in der Stadt seien allein am Sonntag mindestens 42 Menschen getötet und 50 verletzt worden.

Israels Luftwaffe hatte am Samstag nach Angaben eines dpa-Reporters zudem ein 14-stöckiges Hochhaus im Gazastreifen zerstört, in dem Medienunternehmen wie Associated Press (AP) ihre Büros hatten. Berichten zufolge wurden die Bewohner zuvor telefonisch aufgefordert, das Gebäude zu verlassen. Die Nachrichtenagentur AP reagierte entsetzt auf die Bombardierung. Die israelische Armee teilte unterdessen bei Twitter mit, Kampfjets hätten ein Hochhaus angegriffen, in dem der Militärgeheimdienst der islamistischen Hamas über „militärische Ressourcen“ verfügt habe. Ein Sprecher des militärischen Hamas-Arms drohte Tel Aviv daraufhin mit einer „Antwort, die die Erde erschüttern lässt“.

Ein schnelles Ende des Konflikts scheint fern. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, der Militäreinsatz gegen die Hamas werde „so lange wie nötig weitergehen“. Er wies Kritik an den Angriffen zurück: „Wir tun unser Bestes, um zivile Opfer zu vermeiden.“ Der Hamas warf er vor, Zivilisten als „menschliche Schutzschilde“ zu missbrauchen. Angesichts der Gewalt telefonierte US-Präsident Joe Biden mit Netanjahu und mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas.

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