Giffey gibt Amt ab

Ein Rücktrittchen und große Pläne

von Redaktion

CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

Rücktritte schmerzen. Aber das ist ja nur ein winziges Rücktrittchen. Vier Monate vor ihrem Amtsende, kurz vor der eh beeindruckend langen Sommerpause des Bundestags, gibt Franziska Giffey ihren Posten als Familienministerin auf. Um dann in exakt vier Monaten für die SPD als Regierende Bürgermeisterin in Berlin zu kandidieren. Schnell weg, schnell wieder da, und dazwischen mehr Zeit und wenig Pflichten für einen schwierigen Wahlkampf: Ist das nun clever? Oder dreist?

Wohl beides. Giffey kennt die medialen Muster der Plagiatsaffären, es gab ja hinreichend Doktorschummler vor ihr. Ein augenscheinlich freiwilliger Rücktritt Wochen vor einer Aberkennung des Titels nimmt enorm Druck aus der Affäre. Sie sagt, sie habe nur geschludert, nicht vorsätzlich plagiiert. Ihr Plan ist deshalb, die Karriere mit kleinem Kratzer, aber ohne Knick fortzusetzen. In jedem Fall, und das ist positiv an diesen Abläufen, können die Berliner Wähler im September bewusst entscheiden, ob sie diese Bürgermeisterin wollen oder nicht.

Trotzdem hinterlässt das Rücktrittchen ein flaues Gefühl. Weil im Kabinett parteiübergreifend traurigere Gestalten sitzen mit zehnmal mehr Anlässen zum Abgang: verpulverte Milliarden, vertrödelte Hilfen. Und weil Giffey, die junge Quereinsteigerin, als Typ der SPD sehr gut tut. Als Bezirksbürgermeisterin im Problem-Kiez Neukölln regierte sie nie verträumt-multikulti-ideologisch, sondern zupackend. Die taumelnde Volkspartei SPD hat noch viele Großsprecher, die fehlerfrei gendern und über abstrakte Gerechtigkeitstheorien streiten – aber leider zu wenige Talente, die sich im Brennpunkt von Integrationsproblemen, Kriminalität, Gentrifizierung bewährt haben.

Christian.Deutschlaender@ovb.net

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