„Es war klar, dass der Punkt kommt“

von Redaktion

München – Fast 40 Prozent der Bayern haben schon eine Corona-Impfung. In den kommenden Wochen dürfte ihr Anteil allerdings deutlich langsamer steigen als bisher. Denn die Impfzentren sind nun erst einmal mit Zweitimpfungen beschäftigt. Wir sprachen mit Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU).

Herr Holetschek, warum hat Bayern plötzlich nicht mehr genug Impfstoff für Erstimpfungen in den Impfzentren?

Wir müssen uns in den nächsten Wochen auf die Zweit-impfungen konzentrieren. Das ist die Folge der Umstellung im April, als der Abstand zur Zweitimpfung bei Biontech von drei auf sechs Wochen verlängert wurde, um schneller voranzukommen. Dadurch gab es in dieser Zeit vorwiegend Erstimpfungen. Und die werden jetzt als Zweitimpfungen fällig. Dass wir jetzt auch noch viele Astrazeneca-Erstimpfungen bei Menschen unter 60 mit einem mRNA-Impfstoff abschließen müssen, vereinfacht die Situation nicht unbedingt.

Werden nun Erstimpfungen in den Impfzentren gestoppt und die Termine abgesagt?

Es werden in den Impfzentren in den kommenden Wochen auf jeden Fall nur wenige Termine für Erstimpfungen stattfinden können. Ob dabei Absagen nötig sind, hängt immer mit der regional unterschiedlichen Situation vor Ort zusammen. Die genaue Aussteuerung obliegt den Impfzentren – aber eben mit klarer Konzentration auf die Zweitimpfung.

Impfzentren und Kommunen scheinen überrascht. Wurde nicht ausreichend kommuniziert, dass dieser Zeitpunkt kommen wird?

Ich weiß, dass in den Landkreisen alles getan wird, um möglichst schnell zu impfen. Wir stehen mit den Impfzentren in einem regen Austausch und haben auch durchaus über den kommenden Schwerpunkt bei Zweitimpfungen informiert. Es war klar, dass der Punkt kommt, an dem Zweitimpfungen in großer Zahl fällig werden. Aber wenn man dann plötzlich konkret vor die Situation gestellt wird, womöglich eine Erstimpfung absagen zu müssen, ist das natürlich nicht einfach.

Wann sind wieder mehr Erstimpfungen möglich?

Ab Kalenderwoche 23 müssten wir wieder in der Lage sein, weitere Erstimpfungen in den Impfzentren anzubieten – also ab 7. Juni. Insgesamt soll im Juni deutlich mehr Impfstoff kommen – auch für die Hausarztpraxen. Das ist auch nötig, weil dann ja auch die Betriebsärzte mit versorgt werden sollen. Und wenn wir im Sommer auch die Schüler impfen wollen, brauchen wir vom Bund noch einmal zusätzliche Impfstoffdosen.

Haben die Impfzentren denn noch Vorräte an Astrazeneca, die sie für Erstimpfungen verwenden können?

Seit 19. April wird vom Bund kein Astrazeneca mehr an die Impfzentren geliefert, weil es primär über die Arztpraxen verimpft werden soll. Dass danach noch die ein oder andere Dosis übrig war, sieht man an den Sonderaktionen, die zuletzt stattfanden. Ich begrüße das, weil jede Impfung wichtig ist. Allerdings sollen Unter-60-Jährige, die zuerst Astrazeneca bekommen haben, später eine Zweitimpfung mit Biontech oder Moderna erhalten. Und auch die Älteren müssen ja eine Zweitimpfung bekommen. Das alles darf man bei der Planung nicht aus den Augen verlieren.

Was bedeutet die jetzige Situation für Patienten der Prio-Gruppe 3, die noch nicht erstgeimpft sind?

Es gibt Impfzentren, die bereits weitestgehend durch die Prio-Gruppe 3 durch sind. Zudem sind Erstimpfungen bei den Haus- und Fachärzten ja weiterhin möglich – ab heute sogar ohne Priorisierungsvorgaben.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will die Priorisierung zum 7. Juni auch in den Impfzentren aufheben. Zieht Bayern mit?

Ich bin da eher skeptisch. Es war richtig, diesen Schritt für die Praxen in Bayern bereits zu machen, weil das Flexibilität bringt. Gleichzeitig bieten die nach Priorität vorgehenden Impfzentren aber Stabilität. Wie Sie ja gerade sagten, sind in der Prio-Gruppe 3 noch nicht alle geimpft. Wir werden uns die Entwicklung deshalb noch zwei Wochen ansehen und danach entscheiden, ob wir mitgehen, oder noch etwas warten.

Gleichzeitig soll ab 7. Juni auch großflächig in Betrieben geimpft werden.

So ist es vom Bund geplant. Die Betriebsärzte können schon vorher Bestellungen abgeben. Wir überlegen uns zudem, ob wir kleineren Betrieben ohne eigenen Arzt anbieten können, die Impfungen in den regionalen Impfzentren durchzuführen. Allerdings müsste in diesen Fällen ein Arzt die dazu notwendigen Impfdosen aus dem Verteilsystem des Apothekengroßhandels abrufen. Auch mobile Impf-Teams könnten eine Möglichkeit sein.

Interview: Sebastian Horsch

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