München – Er ist noch keine drei Minuten im Amt, da macht Florian von Brunn schon klar: Ein Fall von Kleinmut und Selbstunterschätzung ist er nicht. In einem Atemzug nennt sich der neue Fraktionschef der bayerischen SPD mit den prominentesten Ministerpräsidenten seiner Partei. Manuela Schwesig und Stephan Weil hätten beide auch Regierungsämter und Landesvorsitz in einer Hand gehalten, sagt er vor den Kameras, und Olaf Scholz in Hamburg doch auch.
Das klingt fremd in einer Partei, die bayernweit seit 2018 hart einstellig ist, in Umfragen bei sieben Prozent. Doch genau da will von Brunn ansetzen: Brust raus, Stimme laut, Bayerns still geschrumpfte Sozialdemokratie unüberhörbar machen.
Das fängt an bei seiner neuen Ämterfülle. Mit 12:10 Stimmen, hauchdünn, haben ihn die Landtagsabgeordneten am frühen Mittwochabend zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Der 52-jährige Münchner hat den amtierenden Vorsitzenden Horst Arnold herausgefordert und aus dem Amt gedrängt. 2018, direkt nach der Landtagswahl, war das zunächst gescheitert. Nach einer Reihe von spektakulären 11:11-Patts war von Brunn im dritten Wahlgang unterlegen. Weil er in der Zwischenzeit aber, ebenfalls knapp, den SPD-Landesvorsitz errungen hatte, probierte es von Brunn nun eben in der Fraktion noch mal.
Von einer Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede erzählen Abgeordnete. Von Brunn habe eindringlich gewarnt, es gehe um die Existenz der SPD in Bayern und um jedes einzelne Mandat. „Es ist wichtig, dass wir die Schlagkraft erhöhen“, sagt er. Die SPD müsse lauter werden, müsse sich wieder mehr um soziale Gerechtigkeit kümmern, „für die Menschen arbeiten, die nicht mit dem silbernen Löffel im Mund geboren sind“. Der Jurist Arnold, der korrekt Rechenschaft ablegt über die erste Hälfte der Legislaturperiode und die inhaltliche Arbeit in den Ausschüssen, wirkt dagegen leise.
Das knappe 12:10, die Sorge vor einer fortwährend gespaltenen Fraktion, nennen von Brunn und seine Leute eine „Momentaufnahme“. Es ist allerdings ein langer und gefährlicher Moment. Abgeordnete des anderen Lagers berichten von keiner guten Stimmung, von Vorbehalten. Arnold geht zwar gefasst und höflich aus dem Sitzungssaal im Landtag, er wünscht von Brunn, dass er seine Vorstellungen umsetzen könne – doch mit dem Nachsatz: „Wobei ich allerdings nicht weiß, was da neu davon ist.“
Neu ist sicher von Brunns Mannschaft. Auch sie geht mit nur ganz knappen Ergebnissen durch, ohne Gegenkandidaten. Als Vizes installiert er die Abgeordneten Arif Tasdelen, Margit Wild und Ruth Müller, allesamt nur großen Kennern der Landespolitik ein Begriff. Als parlamentarische Geschäftsführerin übernimmt die Augsburger Anwältin Simone Strohmayr (53) das Management der Fraktion. „Es war ein großer Kraftakt“, sagt sie unumwunden über die Wahl. Und dass die Fraktion „viel Luft nach oben“ bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit habe.
Weg von der Leisetreterei also – das zeigt auch der Ort des ersten Brunn-Auftritts. Der Großstädter macht sein Leben lang schon Politik, kennt den Wert von Bildern und Botschaften. Vor die Kameras begibt er sich im Steinernen Saal des Landtags, hinter sich das Gemälde der Kaiserkrönung Ludwig des Bayern. CHR. DEUTSCHLÄNDER