München – Auch wenn dieser verregnete Mai sich nicht immer so anfühlt, steuert Europa auf den Sommer zu – und damit auf die Reisezeit. Um ihren Bürgern mit fortschreitenden Impfungen dann auch wieder Urlaube im Ausland zu ermöglichen, basteln die EU und ihre Mitgliedsstaaten an einem vernetzten Nachweissystem. Mit dem fälschungssicheren digitalen grünen Zertifikat sollen Reisende Impfungen, Tests und überstandene Infektionen über Grenzen hinweg belegen können – entweder digital auf dem Smartphone oder mit einem QR-Code auf Papier. Dazu sollen sich die Länder über ein sogenanntes Gateway die nötigen Informationen zur Verfügung stellen. In Brüssel wähnt man sich auf einem guten Weg.
Bis zum 30. Juni soll das System in den Ländern von EU-Seite aus voll einsetzbar sein. Ab 1. Juli ist der digitale Impfpass nach Plänen der EU auch nutzbar. Zwar gebe es derzeit einige Staaten, die an ihren nationalen Lösungen noch arbeiten müssen, hieß es von einem Vertreter der Firma T-Systems, die gemeinsam mit SAP an der Umsetzung tüftelt. Bis Ende der Woche sollen aber schon Tests mit mehr als 20 Staaten stattgefunden haben – auch Deutschland hat einen Teiltest bereits erfolgreich absolviert.
Technisch funktionieren soll das EU-Gateway sogar bereits ab 1. Juni. Theoretisch könnten Länder, die startklar sind, dann auch schon loslegen – sofern auf nationaler Ebene juristisch und technisch alles geklärt ist. Doch genau hier dürften die größten Schwierigkeiten auftreten. Ein großer Teil der Problematik liege für die Staaten darin, die bereits bestehenden Zertifikate in das europäische Format zu übertragen, heißt es aus EU-Kommissionskreisen.
Das ist auch in Deutschland so. Denn einen digitalen Impfpass gab es hierzulande bisher nicht. Stattdessen werden auch die Corona-Impfungen noch im oft jahrzehntealten gelben Impfheftchen eingetragen. Um das zu ändern, hat die Bundesregierung IBM und drei weitere Unternehmen mit der Entwicklung einer Lösung beauftragt, die mit den EU-Vorgaben kompatibel ist. In der „zweiten Hälfte des zweiten Quartals“, rechne man mit der Fertigstellung, hieß es zuletzt aus dem Gesundheitsministerium – also spätestens bis Ende Juni. Auch in die Corona-Warn-App soll der digitale Nachweis dann integriert werden. Der gelbe Impfpass soll weiterhin gelten.
Doch wie werden all die analogen Impfnachweise in digitale Zertifikate umgewandelt? Es würden gerade noch verschiedene Möglichkeiten geprüft, teilt das Bundesgesundheitsministerium mit. „Grundsätzlich soll die nachträgliche Ausstellung dort erfolgen, wo man geimpft worden ist. Wenn in den Impfzentren entsprechende Kontaktdaten vorliegen, sollen die QR-Codes möglichst automatisch per Post zugesandt werden.“ Zudem sollen Ärzte und Apotheken die digitalen Nachweise nachträglich erstellen.
Doch gerade die Mediziner zeigen sich von dieser Idee wenig begeistert. „Eine Pflicht der Ärzte, die Corona-Impfungen in den Digitalnachweis zu übertragen, lehnen wir strikt ab“, betonen die niedergelassenen Ärzte in Nordrhein-Westfalen. Allenfalls freiwillig könnten die Praxen die Übertragung übernehmen – ansonsten nur für die eigenen Patienten. Es handle sich schließlich um ein Reisedokument, für das in Deutschland Behörden zuständig seien. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) sieht das genau so wie die westdeutschen Kollegen, heißt es auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Praxen warten gespannt auf den Vorschlag aus dem Haus von Minister Jens Spahn (CDU).
Ebenfalls noch unklar ist, was genau das digitale Zertifikat alles ermöglichen soll. Aus Kommissionskreisen heißt es, man lade die Staaten ein, den Nachweis auch auf nationaler Ebene zu nutzen. Doch letztlich entscheidet das jedes Land selbst – sogar regionale Unterschiede sind möglich. Aus der Bundesregierung hieß es zuletzt: Wenn es den Nachweis erst einmal gibt, dürfte er wohl auch im heimischen Alltag Anwendung finden.