München/Wien – Eine Frage, die Sebastian Kurz immer wieder gestellt bekommt, reicht tief ins Privatleben. Allerdings nicht in das des österreichischen Kanzlers. Wann denn endlich wieder Hochzeiten gefeiert werden dürften, würden die Leute von ihm wissen wollen, erzählt er am Freitag mit sichtlichem Vergnügen. Das Verkünden von Lockerungen ist in den langen, tristen Pandemiemonaten stets einer der wenigen angenehmen Termine gewesen. Diesmal ist die Agenda besonders voll.
Ab 1. Juli sind nun auch Hochzeitsfeiern wieder möglich. Und nicht nur die. Bei Großveranstaltungen und Gastronomie, Handel und Kontaktbeschränkungen werden zahlreiche Fesseln gelockert oder gleich ganz gelöst. Busreisen („wichtig für Senioren“) sind bereits ab 10. Juni wieder erlaubt. Im Drei-Wochen-Rhythmus treten die Erleichterungen in Kraft. Los ging’s am 19. Mai. Dass der nächste Schritt am 10. und nicht wie ursprünglich erwogen am 17. Juni erfolgt, hat auch einen pragmatischen Grund. Am 11. beginnt die Fußball-EM. Dank der Erleichterungen in der Gastronomie könnten die Spiele „ganz normal beim Lieblingswirt verfolgt werden“, sagt Vizekanzler Werner Kogler.
Normal, das ist ein Wort, an das man sich erst wieder gewöhnen muss. Vieles von dem, was in Österreich bald möglich ist, fühlt sich tatsächlich nach einem Leben ohne gravierende Einschränkungen an. Die Maskenpflicht etwa entfällt unter freiem Himmel zum 10. Juni. In der Gastronomie werden dann die Obergrenzen für Personengruppen auf acht (innen) und 16 erhöht (plus Kinder), der Mindestabstand auf einen Meter reduziert und die Sperrstunde von 22 Uhr (EM-Halbzeitpause!) auf Mitternacht ausgedehnt. Im Handel sind nur noch zehn Quadratmeter pro Kunde nötig, diese Marke gilt auch für Sport- und Freizeitbereich sowie Museen. Bei Einreisen aus Deutschland und anderen EU-Ländern wird eine vorherige Anmeldung nicht mehr nötig sein.
Das alles stehe unter Vorbehalt, sagt Kurz und warnt: „Werden wir nicht übermütig!“ Aber die Zahlen – am Freitag gab es 541 Neuinfektionen, die Sieben-Tage-Inzidenz sank unter 40 – sind vielversprechend, und die Planung geht bereits deutlich weiter. In der Gastronomie sollen ab Anfang Juli keinerlei Einschränkungen mehr gelten, mit Ausnahme der sensiblen Nachtgastronomie (Clubs), für die eine Regelung noch aussteht. Auch Veranstaltungen in Stadien, Konzertsälen und Theatern, die vorerst noch Obergrenzen von 1500 (innen) und 3000 zu befolgen haben, werden wieder nahezu uneingeschränkt möglich sein – bis auf die üblichen Regeln, die noch Monate gelten werden. Vizekanzler Kogler freut sich bereits auf „einen Sommer wie damals, nur mit 3G“.
Geimpft, genesen, getestet – das werden auch auf dem lockersten Kurs die Leitplanken bleiben. In Supermärkten oder dem öffentlichen Verkehr, wo 3G nicht überprüft werden kann, gilt zudem weiter Maskenpflicht. Doch schwerer wiegt, was wieder erlaubt ist. Feiern, Fußball, Heiraten. Tourismusministerin Elisabeth Köstinger hofft: „Wenn die bevorstehende Ehe eine Pandemie überstanden hat, wird sie ewig halten.“ MARC BEYER