Papst schickt Prüfer ins Erzbistum Köln

von Redaktion

VON CHRISTOPH DRIESSEN

Köln – Das Sinnbild der Kölner Kirchenkrise ergibt sich am Donnerstagabend in Düsseldorf. Etwa 100 Mitglieder der Gemeinde St. Margareta haben sich dort zu einer offiziell angemeldeten Demonstration versammelt. Für viele ist es das erste Mal, dass sie so etwas tun. Menschen, die sich in einer katholischen Pfarrei engagieren, sind vom Typ her nicht gerade Revoluzzer. Aber jetzt wollen sie ein Zeichen setzen. Ein Zeichen gegen Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln.

Ein Wagen fährt vor, Woelki steigt aus. Die Gemeindemitglieder halten rote Karten in die Höhe. Es ist ein Protest, aber auch ein Ruf nach Aufmerksamkeit. Doch der Kardinal geht wortlos an ihnen vorüber. Eine Reporterin fragt ihn, was er der Gemeinde mitgebracht habe. Er wendet sich kurz zu ihr um und sagt: „Mich selber.“ Danach verschwindet er hinter einer Tür, wo er zwei Stunden mit Gemeindevertretern spricht.

Etwa 16 Stunden nach dieser Szene veröffentlicht die Apostolische Nuntiatur in Berlin – die diplomatische Vertretung des Vatikans – eine Mitteilung: Papst Franziskus hat eine Überprüfung des Erzbistums Köln angeordnet. Für diesen außergewöhnlichen Schritt hat er zwei Apostolische Visitatoren ernannt, die Bischöfe von Stockholm und Rotterdam, Anders Arborelius und Hans van den Hende. Schon in der ersten Junihälfte sollen sie sich in Köln ein umfassendes Bild machen.

„Der Papst will mehr Informationen, mehr Material, um zu entscheiden“, erläutert Vatikan-Kenner Marco Politi aus Rom. Die Visitation müsse man sich vorstellen wie einen Untersuchungsausschuss im Bundestag. Die beiden Bevollmächtigten überprüfen die Amtsführung des Ortsbischofs und sind dafür mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet. Bei Vatican News heißt es, Woelki dürfe nun „keine Entscheidungen mehr selbstständig treffen“. Es ist eine Teil-Entmachtung – zumindest auf Zeit. In Köln werden gleich vier Bischöfe in den Blick genommen: Neben Woelki geht es um den Hamburger Erzbischof Stefan Heße, ehemals Personalchef in Köln, und um die beiden Kölner Weihbischöfe Dominikus Schwaderlapp und Ansgar Puff. Heße, Schwaderlapp und Puff waren im März in einem Gutachten Pflichtverletzungen im Umgang mit Missbrauchsvorwürfen vorgeworfen worden. Die drei sind derzeit beurlaubt.

Woelki dagegen wurde freigesprochen. An dieser Stelle hätte der 64-Jährige vielleicht noch einmal die Chance für einen Neuanfang gehabt. Er hätte dafür offensiv auf alle möglichen Gruppen im Erzbistum zugehen müssen, besonders auf den Diözesanrat, die Vertretung der praktizierenden Katholiken. Doch das geschah nicht, die sogenannten Kölner Wirren gingen weiter. Woelki war mit der Entkräftung immer neuer Vorwürfe beschäftigt. So kam heraus, dass er einen Pfarrer zum stellvertretenden Stadtdechanten von Düsseldorf befördert hatte, von dem er wusste, dass dieser Sex mit einem 17 Jahre alten Prostituierten gehabt hatte. Der Pfarrer habe eine zweite Chance verdient gehabt, sagte dazu Woelkis Stellvertreter Markus Hofmann. Ungefähr zur gleichen Zeit stellte sich Woelki hinter das Segnungsverbot des Vatikans für homosexuelle Paare – in den Augen vieler Gläubiger der Gipfel der Doppelmoral.

Kardinal Woelki begrüßte in einer ersten Reaktion, dass sich der Papst ein eigenes Bild verschaffen wolle. „Alles, was der konsequenten Aufarbeitung dient, begrüße ich.“

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