Grüne Schadensbegrenzung

von Redaktion

VON MARTINA HERZOG

Berlin – Hinter ihr liegen drei Wochen voller Widrigkeiten, umso erleichternder ist dieser Moment. Die Online-Delegierten bestätigen Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin der Grünen – und das mit ziemlich vorzeigbaren 98,55 Prozent. Das „wahnsinnige Ergebnis“, für das sie sich bedankt, muss die 40-Jährige allerdings teilen: Es ist zugleich auch das Votum für das Spitzenduo aus Baerbock und Co-Parteichef Robert Habeck.

„Wir haben uns 40 Jahre darauf vorbereitet, mit allen Ecken und Kanten“, unterstreicht Baerbock. „Jetzt ist der Moment, unser Land zu erneuern, und alles ist drin.“ Sie spricht von der „Freude an der Verantwortung“, die Grünen sehen eine historische Chance bei der Wahl im September. Allerdings steht der Optimismus im Widerspruch zum Umfrage-Trend. Hausgemachte Fehler wie Baerbocks nachgemeldete Sonderzahlungen oder ihr frisierter Lebenslauf haben Stimmen gekostet. Die Partei liegt inzwischen klar hinter der Union.

Manches Mitglied hatte deshalb durchaus Sorge vor dem Parteitag. Zu Beginn ihrer Rede gesteht Baerbock denn auch Fehler ein, allerdings betont kurz. Sie habe sich „tierisch geärgert“, sagt sie – und tauscht die knappe Selbstkritik dann gegen eine Dankeshymne ein. „Eure volle Solidarität zu spüren. Robert, Dich da an meiner Seite zu wissen. Das hat Kraft gegeben und volle Power – und dafür herzlichen Dank.“

Für solche Sätze gibt es heftigen Live-Applaus. Denn im Studio haben sich hundert Neu-Grüne aus Berlin versammelt, die Baerbocks 45-minütige Rede immer wieder zujubeln. Dass sie dennoch mit einem herzhaften „Scheiße“ von der Bühne geht – ihr Mikrofon ist noch an – liegt offenbar am Ärger über einen Versprecher, nach dem sie neu ansetzen muss.

Ein wenig beschreibt das klare Wort aber auch die Stimmung der vergangenen Wochen. Optimisten erhofften sich vom Parteitag eine Art Trendwende. Messbar ist das nicht. Zumindest rhetorisch besteht Baerbock weiter auf dem Regierungsanspruch – und begründet das unter anderem mit der Erderwärmung. „Die große Aufgabe unserer Zeit“ nennt es Baerbock und zieht einen Vergleich zum Aufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, der friedlichen Revolution in Ostdeutschland und der europäischen Einigung. „Wir sind Schritt für Schritt vorwärts gekommen, weil Menschen Neues gewagt haben.“

Die Grünen-Chefin versucht auch dem Vorwurf entgegenzuwirken, ihre Partei mache Politik für Akademiker und Großstädter. „Wir brauchen jetzt die Zuversicht des Handelns“, betont sie. Und wenn sie „Wir“ sage, seien damit nicht nur die Mitglieder der eigenen Partei gemeint. „Mit ‚Wir‘ meine ich jeden Bürger und jede Bürgerin“, sagt sie. „Lasst uns aus diesem Umbruch einen Aufbruch machen, und zwar für alle. Für die Pendlerin, für den Stahlarbeiter, für den Handwerker und für alle Menschen in unserem Land.“

Baerbock spricht viel über Soziales, betont den Willen ihrer Partei, auch die Verlierer des Wandels aufzufangen, mit „klimagerechtem Wohlstand“ und „Sicherheit im Übergang“. Die Grünen wollten Menschen mit kleinem Einkommen und geringem CO2-Ausstoß entlasten. Die Attacken auf die Grünen als Verbotspartei pariert sie als vorgeschoben. Der Union wirft sie vor, immer nur dann an Menschen mit niedrigem Einkommen und Mini-Renten zu erinnern, wenn es darum gehe, gegen ambitioniertere Klimaschutz-Maßnahmen zu argumentieren. „Niemand hindert die Union daran, endlich den Mindestlohn auf zwölf Euro anzuheben.“

Die Rede ist in weiten Teilen ein Ritt durchs grüne Wahlprogramm. Baerbock setzt auf Sicherheit statt auf neue Impulse. Erst am Ende wird sie auch persönlich. Baerbock berichtet vom Tod der Schwester ihrer Mutter, als die noch ein Kind war. Die Mutter hätte die Schule als lernschwach verlassen sollen. Gespräche mit einem Kinderpsychologen hätten geholfen. Es gelte, die Menschen aufzufangen, zu helfen, will Baerbock damit sagen. „Jeden Einzelnen zu sehen und zu hören und gleichzeitig das große Ganze im Blick zu behalten und dem Wohle aller zu dienen. Das ist unser Kompass.“ Zumindest die eigene Partei weiß sie hinter sich.

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