München – Einzustecken hat Annalena Baerbock früh gelernt. Als Jugendliche brach sie sich 1994 beim Trampolinspringen das Sprunggelenk und weinte im Krankenhaus bitterlich, wie sie sich in ihrem demnächst erscheinenden Buch erinnert. Dass die Tränen gar nicht mehr aufhören wollten zu fließen, irritierte am Ende sogar den Arzt. Das Problem seien nicht die Schmerzen, klärte die junge Annalena auf. „Aber ich wollte deutsche Meisterin werden in einer Woche.“
27 Jahre später bereitet sich die Grünen-Chefin wieder auf einen wichtigen Wettkampf vor. Auch diesmal ist es eine Art Deutsche Meisterschaft. Am Freitag sind es noch genau 100 Tage bis zur Bundestagswahl, in die die Grünen und ihre Co-Vorsitzende mit gewissen Titelhoffnungen gehen. Allerdings gibt es noch eine Parallele zu 1994. In den letzten Wochen hat Baerbock wieder ein paar schmerzhafte Erfahrungen machen müssen.
Schaden haben diesmal Ruf und Glaubwürdigkeit der ersten Kanzlerkandidatin genommen, die die Grünen in ein Rennen schicken. Noch vor vier Wochen lag die Partei im ZDF-Politbarometer knapp vor der Union (25 zu 24), doch die Debatten um Baerbocks Nebeneinkünfte und Lebenslauf sowie andere Reizthemen (Waffenlieferungen an die Ukraine) haben Spuren hinterlassen.
In einer Insa-Umfrage für die „Bild“ rutschen die Grünen auf 19,5 Prozent ab. CDU und CSU liegen mit 27,5 Prozent klar vorn, die SPD kommt auf 16,5. Die selbe Union, die sich eine aufreibende Kandidatenkür leistete und neulich in Sachsen-Anhalt noch vor einer Schicksalswahl stand, erfreut sich nun an steigenden Werten. Man sei als Union „insgesamt auf einem guten Weg“, sagt CSU-Chef Markus Söder gegenüber unserer Zeitung. Einen Gruß an die Konkurrenz kann er sich nicht verkneifen: „Es zeigt sich einfach, dass die Grünen noch nicht bereit sind, Deutschland zu regieren.“
Auszuschließen ist es andererseits auch nicht. Die aktuellen Zahlen erlauben die unterschiedlichsten Optionen. Eine Koalition aus Union, Grünen und FDP ist rechnerisch ebenso möglich wie ein Bündnis aus Union, SPD und FDP. Aber eben auch eine Ampel-Koalition, in der nach jetzigem Stand eine Kanzlerin Baerbock die Regierung anführen würde. Auch deshalb nimmt Söder weiterhin die Grünen in den Fokus. Ihre Politik zeige „eine Verengung auf ihre klassische Klientel. Sie beachten zu wenig, dass man Nachhaltigkeit und Wohlstand zusammenbringen muss.“
Was inhaltlich in den nächsten vier Jahren von der Union zu erwarten wäre, war bisher allein schon deshalb schwer zu sagen, weil es noch immer kein offizielles Wahlprogramm gibt. Am kommenden Sonntag und Montag wollen die Parteispitzen es bei einer Klausur in Berlin verabschieden. Ein Entwurf, der unserer Zeitung vorliegt, beinhaltet unter anderem eine Rentenreform, die höhere Abschläge beim vorzeitigen Gang in den Ruhestand vorsieht. Wer hingegen erst nach dem derzeitigen Eintrittsalter von 67 Jahren in Rente gehe, solle mehr Geld vom Staat bekommen.
Auf Geringverdiener zielt ein Vorstoß ab, wonach Unternehmen ihnen künftig eine Betriebsrente anbieten müssen, finanziert durch Firmen, Arbeitnehmer und Staat. Menschen, die Angehörige pflegen, sollen den Plänen zufolge auch nach Rentenbeginn problemlos ihre Bezüge erhöhen können. Bislang mussten sie erst kompliziert eine Teilrente beantragen. Die Verdienstgrenze bei Minijobs soll von 450 auf 550 Euro im Monat ansteigen, der Spitzensteuersatz von 42 Prozent künftig erst deutlich später greifen. Aktuell gilt er ab rund 58 000 Euro Bruttoeinkommen im Jahr.
SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil nennt CDU und CSU den „Hauptgegner“. Er ist vor allem auf die Stimmen jener Bürger aus, die bisher wegen Angela Merkel ihr Kreuz bei der Union machten. Hier liege die Chance der SPD: „Das sind keine klassischen CDU-Wähler.“