„Weniger jammern und motzen“

von Redaktion

Söder in der Defensive: Bei der uneinigen Jungen Union verteidigt der CSU-Chef seinen Kurs

Unterhaching – Es gab schon leidenschaftlichere Zeiten zwischen Markus Söder und seiner Parteijugend. Mit blauen „MP Söder“-Schildchen hatte ihn die Junge Union Ende 2017 zum nächsten Ministerpräsidenten ausgerufen. Jetzt, beim ersten realen Treffen nach endlosen Corona-Monaten, muss er sich auch deutliche Kritik anhören – an Lockdown, grünem Kurs und persönlichem Auftreten.

Bei der Landesversammlung im Unterhachinger Fußballstadion, viel Abstand und unter freiem Himmel, stößt der CSU-Chef auf eine gespaltene JU. Mehrere Redner kritisieren seine Corona-Politik scharf, fordern noch schnellere Lockerungen und ein Ende der FFP2-Pflicht. Über die Frauenquote wird gemault, über die paritätische Liste für die Bundestagswahl und über Söders Kurs, die CSU stärker für ökologische Fragen zu sensibilisieren. „Reine Anbiederung bringt uns nicht weiter“, klagt ein Delegierter.

In der JU bildet das nur einen Teil ab, den Söder auch nicht für den fortschrittlichsten hält. Einige Redner distanzieren sich davon klar, halten den Parteifreunden Besserwisserei vor. Deutlich wird aber: Wie in der ganzen Partei, jüngst durch Interviews von Manfred Weber und Ilse Aigner, wird auch beim Nachwuchs der Söder-Kurs nicht mehr als gottgegeben akzeptiert. Der Parteichef nutzt seinen Auftritt in Unterhaching deshalb auch zur Verteidigung.

„Bayern hat sich fundamental verändert“, redet Söder seinen Leuten ins Gewissen. Wenn die CSU „ein Weltbild von gestern“ vertrete, etwa gegen Parität auf Listen und hohen Frauenanteil in Ämtern, verliere sie die Mehrheitsfähigkeit. Er warnt davor, sich ein festes Bild vom „Stammwähler“ vorzustellen und daran festzuhalten.

Auch bei Corona bleibt Söder hart. Im Ton erstmals phasenweise schroff, verteidigt er die Maßnahmen seit März 2020: Er habe alles intern besprochen, „ich habe alles abgewogen, ich habe das nicht rausgerotzt“. Natürlich habe der Lockdown x-fach höhere Totenzahlen verhindert. „Dieses Negieren von Wissenschaft ist intellektuell unredlich.“ Er warnte davor, zu sehr auf Lobbyisten zu hören: „Ich lasse nicht zu, dass wegen kleiner Interessen am Ende das ganze Land in Mitleidenschaft gezogen wird.“

Mit klaren Worten stellt sich Söder auch gegen die Rufe der Freien Wähler (und auch einiger CSU-Abgeordneter), an der Maskenpflicht im Unterricht zu zupfen. „Die Schüler halten das besser aus als manche Politiker, die um die Schule schleichen.“ Er warnt vor Infektionsherden mit der bei jüngeren Leuten aggressiven Delta-Mutation. In drei bis fünf Wochen werde sie sich bundesweit durchsetzen. Tenor: Lieber Schutz mit Masken als wieder Ausfall von Präsenzunterricht. Die Schülerjahrgänge, die sich durch die Corona-Wirren kämpften, dürften eine der stärksten Generationen Bayerns sein. „Nicht jammern und motzen, sondern in schweren Situationen Charakter zeigen.“

Jubel-Schildchen gibt es diesmal keine für Söder, aber zum Abschied immerhin ein blaues Radl-Trikot („Ministerpräsident on tour“) für den E-Biker. Zur Entspannung trägt bei, dass kurz zuvor die Parteispitze intern die Liste für die Bundestagswahl vorbesprochen hat – der erste Netto-Platz (also ohne Kandidaten mit eigenem Wahlkreis) geht an die JU. Spitzenkandidatin ist Stefanie Hümpfner (31) aus Unterfranken.  cd

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