München – Privat, sagt Charlotte Bender, begrüße sie die Lockerungen der Corona-Regeln. Unter freiem Himmel keine Maske mehr tragen zu müssen, sei eine Erlösung: „Ich freue mich über frische Luft.“ Von Berufs wegen hat sie allerdings kein so gutes Gefühl, wenn sie in diesen Tagen Menschen sieht, die Mund und Nase nicht mehr bedecken. Seit Mittwoch ist das Unbehagen noch ein bisschen größer.
Vor zwei Tagen hat Charlotte Bender (Name geändert), die in München eine Corona-Teststation betreibt, die ersten Positivfälle seit knapp vier Wochen registriert. Drei Personen, alle nur auf Kurzbesuch. Der Versuch, die Infizierten telefonisch zu erreichen, schlug fehl: „Ich habe mehrmals auf die Mailbox gesprochen.“ Die Daten leitete sie rasch weiter ans Gesundheitsamt, dann wurde es unübersichtlich. Begaben sich die drei in Quarantäne? Oder am Abend ins Stadion?
In den sozialen Netzwerken schlug der Fall einige Wellen – Tenor: Danke, UEFA, für die Corona-Fälle durch EM-Tourismus! Am Ende entpuppte sich die Geschichte aber als weniger skandalös. Beim Gesundheitsreferat traf nur eine Positivmeldung ein, die anderen waren entweder doch negativ oder folgen noch in einer Nachmeldung. Und es gab auch keinen Fußballkontext. Infiziert war nicht ein ungarischer Kartenbesitzer, sondern eine Portugiesin, die nicht der EM zugerechnet wurde.
Es hat in München schon andere Tage gegeben. Rund um die DFB-Spiele meldeten die Stationen zwölf Positivtests mit offensichtlichem Turnierbezug. Sechs Personen hatten ein Ticket. Einer konnte am Ende doch in die Arena, weil ein PCR-Test negativ ausfiel, vier verzichteten von sich aus. Nur einer war uneinsichtig, seine Karte wurde von der UEFA gesperrt.
In Zeiten sinkender Corona-Zahlen schlägt der EM einiges an Argwohn entgegen. Einerseits ist da die Kombination aus gelockerten Maßnahmen, Fußballfest und Reisefreude, andererseits sind die Besucherströme nicht immer unter Kontrolle zu halten. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU), der schon zu EM-Beginn fehlende Masken- und Abstandsdisziplin gerügt hatte, ärgerte sich am Mittwoch erneut. Das Verhalten vieler ungarischer Fans sei „unvernünftig und nicht akzeptabel“ gewesen, sagte er unserer Zeitung. „Mich macht das ein Stück weit wütend.“ Er sah aber auch Fortschritte. „Immer mehr Fans“ verstünden, wie wichtig die Maßnahmen auf den Rängen seien. Für Holetschek ist das Turnier „ein wertvoller Modellversuch“. Bayerns Landesamt für Gesundheit wertet die Münchner Spiele gemeinsam mit Wissenschaftlern aus, um Lehren für andere Sportveranstaltungen zu ziehen.
Eine stabile Tendenz, wie sich die EM auf das Infektionsgeschehen auswirkt, gibt es noch nicht. Aber es gibt einzelne Fälle, die in der Summe nicht gerade beruhigend wirken. Die Weltgesundheitsorganisation äußerte ihre Besorgnis, dass Länder ihre Maßnahmen lockerten, während die Infektionszahlen wieder stiegen. In London, dem Standort mit den meisten EM-Partien, dürfen Halbfinals und Endspiel nun vor 60 000 Zuschauern stattfinden, ungeachtet der heiklen Lage infolge der sich ausbreitenden Delta-Variante. In Baku und Glasgow ist nicht mal ein negativer Test notwendig, um ins Stadion zu gelangen.
Wie durchlässig das Netz der Kontrollen und Maßnahmen ist, das die UEFA geknüpft hat, fällt auf, wenn etwas ernsthaft aus dem Ruder läuft. Am Mittwoch wurde bekannt, dass bei drei Zuschauern der Partie Dänemark – Belgien die Delta-Variante nachgewiesen wurde. Die Behörden forderten 4000 Besucher auf, sich einem PCR-Test zu unterziehen. Die Aussicht auf Schadensbegrenzung ist indes gering. Das Spiel war zu diesem Zeitpunkt bereits sechs Tage beendet.