München – Zeiten ändern sich, sogar Corona-Zeiten. Über Monate galt in der deutschen Politik die Ansage, man wolle bis zum Ende des Sommers jedem Erwachsenen ein Impfangebot gemacht haben. Bis Ende September. Nicht jeder hat der Bundesregierung das zugetraut.
Nun klingt das anders. Schon Ende Juli soll es so weit sein, sagt Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Das ist ehrgeizig, aber nicht unrealistisch. Die Fortschritte der Impfkampagne zeigen sich zum Beispiel daran, dass Deutschland bei den Erstimpfungen die USA eingeholt hat. 45,8 Millionen der 83 Millionen Deutschen oder 55,1 Prozent haben die erste Spritze erhalten. In den Staaten sind es 54,4. Auf die Erwachsenen bezogen liegt der Anteil der erstgeimpften Deutschen bei rund zwei Drittel.
Diese Entwicklung hat zwar auch damit zu tun, dass in den USA die Impfdynamik spürbar nachgelassen hat. Trotzdem ist sie ein Indiz dafür, dass die desaströse Impfbilanz des Frühjahrs langsam verblasst. Nun geht der Blick bereits in den Herbst und ein Stückchen weiter.
Anders als vor einem Jahr, als Europas Bestellungen halbherzig und sparsam erfolgten, sind sie für 2022 großzügig angelegt. Insgesamt 204 Millionen Impfdosen will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ordern und dafür rund 3,9 Milliarden Euro ausgeben. Den größten Anteil haben die mRNA-Vakzine von Biontech (84,4 Millionen) und Moderna (31,8 Millionen). Zudem setzt Berlin auf vier weitere Produkte, von denen drei (Sanofi, Novavax, Valneva) noch gar nicht zugelassen sind. Pikanterweise taucht der Impfstoff von Astrazeneca, sowohl wegen der Wirkung als auch wegen unzuverlässiger Lieferungen umstritten, in den Bestellungen für 2022 überhaupt nicht mehr auf.
Schon bald, sagt Spahn mit Blick auf den Bedarf in den Bundesländern, werde man in eine Phase kommen, „wo wir alles bedienen können“. Geliefert wird dann nur noch, was zeitnah benötigt wird, „den Rest werden wir lagern“. Auch bei Auffrischungsimpfungen, den sogenannten Boostern, dürften keine Engpässe zu erwarten sein.
Teilweise herrscht schon jetzt Überfluss. Um die gelieferten Dosen trotz geringer Nachfrage spritzen zu können, kündigten bis gestern zahlreiche bayerische Landratsämter Sonderaktionen an. Der Landkreis Altötting zum Beispiel bietet Impfungen für Erwachsene aus dem gesamten Freistaat an. „Die Landkreis-Bevölkerung ist gesättigt“, sagte ein Sprecher. Bayernweit haben 52,6 Prozent der Bürger mindestens eine Impfung erhalten. In der Altersgruppe 60plus sind es knapp über 80 Prozent.
Vor dem Hintergrund der ab heute aufgehobenen Priorisierung in den Impfzentren forderte Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) gestern alle Bayern ab 18 Jahren mit Nachdruck auf, sich registrieren zu lassen. „Künftig entscheidet der Zeitpunkt der Anmeldung darüber, wie schnell ich einen Termin bekomme“, sagte er.
Gestern beriet zudem die EU-Arzneimittelbehörde EMA über die Zulassung des Moderna-Impfstoffes ab zwölf Jahren. Bis Ende Juli soll eine Entscheidung fallen. Bisher kommt in dieser Altersgruppe nur Biontech infrage. Spahn ist zuversichtlich, dass auch diese Altersgruppe bald umfassend geimpft werden kann. Bis Ende August will er jedem Jugendlichen ein Angebot für die erste Spritze gemacht haben.
Das spiegelt sich auch in der Bestellung für 2022 wider. Den 204 Millionen Dosen liegen zwei Spritzen für jeden der 83 Millionen Bürger sowie ein Sicherheitspuffer zugrunde. Die Lektion, dass man im Zweifelsfall lieber etwas mehr ausgibt, um später weniger Einschränkungen zu haben, hat der Gesundheitsminister gelernt. „Ich bin mir sehr sicher, dass der Bundesrechnungshof das in ein paar Monaten wieder kritisiert“, sagt Spahn. Die lange Einkaufsliste sei jedoch eine „bewusste politische Entscheidung“.