München – Die Zahl, auf die alle schauen, steigt und steigt. In Deutschland ist mittlerweile mehr als die Hälfte aller Corona-Neuinfektionen auf die Delta-Variante zurückzuführen. Gestern Abend meldete das Robert-Koch-Institut einen Anteil von 59 Prozent. Überraschend kam dieser Wert nicht mehr. Der Anteil der Ansteckungen mit der zuerst in Indien festgestellten Mutation an allen Corona-Neuinfektionen hat sich zuletzt von Woche zu Woche fast verdoppelt, vor sieben Tagen lag er bei 37 Prozent. Das RKI sieht diese Entwicklung mit Sorge, zumal der R-Wert, der den Grad der Verbreitung angibt, am Mittwoch mit 1,01 erstmals seit April wieder über 1 lag.
Dass die Variante ansteckender ist, steht außer Zweifel. Laut einer Studie von Public Health England (PHE) ist die Weiterverbreitung um 60 Prozent höher als bei der zuvor in Großbritannien vorherrschenden Alpha-Mutation, die ihrerseits ansteckender als der Wildtyp war.
Tödlicher ist Delta hingegen wohl nicht: In Großbritannien ist die Fallsterblichkeit im Vergleich zu den anderen Varianten sogar niedriger, was aber auch mit den Impf-Fortschritten zu tun haben kann. Die Studie kommt aber auch zu dem Ergebnis, dass das Risiko, nach einer Infektion mit Delta im Krankenhaus zu landen, fast doppelt so hoch ist wie bei Alpha.
Wiederholt hat der britische Premier Boris Johnson von einem „Schutzwall“ gesprochen, den die Impfstoffe gegen das Virus bilden würden – auch gegen die jüngste Variante. Neue Daten aus Israel zeigen nun allerdings, dass der Wall Risse bekommt, wenn auch nur feine. Eine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Wirksamkeit der Biontech-Impfung, die bisher bei über 90 Prozent lag, seit der Verbreitung von Delta in Israel auf 64 Prozent gesunken sei. Sieben Prozent der Geimpften würden sogar schwer erkranken. Umgekehrt heißt das aber auch: Der Schutz ist mit 93 Prozent immer noch sehr hoch.
Leif Erik Sander, Corona-Experte der Berliner Charité, betont zudem, man müsse die Zahlen mit Vorsicht betrachten: „Es ist methodisch schwierig, in einem solchen Setting wie in Israel mit niedrigen Inzidenzen und lokalen Ausbrüchen die genaue Effektivität der Impfung zu bestimmen.“ Der Virologe Alexander Kekulé ergänzt: „Auch bei einem geringeren Impfschutz ist das Immunsystem in einer besseren Ausgangslage als ohne Impfung.“
RKI-Präsident Lothar Wieler prophezeit: „Dieses Virus wird auf Dauer jeden Deutschen infizieren, der nicht geschützt ist durch eine Impfung.“ Sein Institut geht davon aus, dass sich Delta auf die Belegung der Intensivstationen auswirken werde, wenn die Impfquoten bei Menschen zwischen zwölf und 59 Jahren bei 75 oder gar 65 Prozent stagnieren und gleichzeitig eine komplette Öffnung stattfinden würde. „Basishygienemaßnahmen“ seien dann nicht mehr ausreichend, „weitere kontaktreduzierende Maßnahmen wären notwendig“, besagt ein RKI-Papier. Aktuell haben 57,1 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Spritze erhalten. 39,9 sind vollständig geimpft.
In München ist Delta bereits die vorherrschende Variante. „In den letzten 14 Tagen wurden 57 Fälle der Alpha- und 75 Fälle der Delta-Variante registriert“, sagt Stefan Hauf, Sprecher der Stadt.