Kanadas Indigene klagen katholische Kirche an

von Redaktion

Gräberfunde mit Überresten von rund 1000 Heimkindern – Papst Franziskus soll sich entschuldigen

Ottawa – Jason Louie nimmt kein Blatt vor den Mund. „Lasst es uns als das bezeichnen, was es ist: ein Massenmord an indigenen Menschen,“ sagte der Häuptling der indigenen Gemeinschaft Lower Kootenay jüngst im kanadischen Nachrichtensender CBC. Nach den Gräberfunden mit den sterblichen Überresten von rund 1000 Kindern in der Nähe verschiedener ehemaliger Umerziehungsheime innerhalb weniger Tage, bricht sich in Kanada die Wut über die Behandlung der indigenen Bevölkerung Bahn.

Diese richtet sich insbesondere gegen die katholische Kirche in Kanada, die viele der 130 Einrichtungen betrieb, in denen mehr als 100 000 Kinder indigener Mütter – wie es hieß – „an die christliche Zivilisation herangeführt“ werden sollten. Die erhobenen Vorwürfe zeichnen jedoch ein anderes Bild: Neben den seelischen Grausamkeiten und dem oft ausgesprochenen Verbot, die Muttersprache zu sprechen, soll es in einer unbekannten Zahl von Fällen auch zu körperlicher und sexueller Misshandlung gekommen sein.

Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau rief jetzt die Katholiken seines Landes auf, von ihrer Kirche eine Reaktion zu fordern, indem sie die Verantwortung für ihre Rolle in der Angelegenheit übernimmt.

Woran die etwa 1000 Kinder starben, deren sterbliche Überreste in den vergangenen Wochen in Gräbern auf Grundstücken ehemaliger kirchlicher Internate entdeckt wurden, muss noch genau untersucht werden. Für den Leiter der Gemeinschaft Lower Kootenay steht jedoch schon fest, dass die damaligen Betreiber der Internate für den Tod der Kinder verantwortlich sind. „Die Nonnen und Pater müssen zur Rechenschaft gezogen werden“.

Wie groß der Zorn auf die Kirche ist, zeigt sich auch daran, dass seit den Funden mehrere katholische Kirchen in indigenen Gebieten in Flammen aufgingen – die Feuerwehr geht von Brandstiftung aus. Der Rat des Lower Similkameen Indian Band zeigte sich schockiert über die Zerstörung, äußerte aber auch Verständnis für die heftige Reaktion. Die Nachfahren litten unter einem „generationsübergreifenden Trauma“, hieß es.

Der jüngste Fund liegt nur wenige Tage zurück. Mithilfe eines Bodenradars entdeckte eine Gruppe kanadischer Indigener in der Nähe von Cranbrook in British Columbia 182 unmarkierte Gräber mit sterblichen Überresten auf dem Grundstück der Saint Eugene’s Mission School. Das Internat stand bis in die frühen 1970er-Jahre unter katholischer Leitung.

In derselben Provinz wurden auf dem Gelände der ehemaligen Kamloops Indian Residential School zuvor 215 nicht markierte Gräber von mutmaßlich Indigenen entdeckt. Nahe der Marieval Indian School in Saskatchewan waren es 751 Gräber. Beide Internate hatten katholische Betreiber.

Laut Befund der Kommission wuchsen die von ihren Eltern zwangsweise getrennten Kinder in den Internaten unter drakonischen Bedingungen auf. Rund 6000 Kinder sollen demnach in den Einrichtungen ums Leben gekommen sein, etwa 4100 weitere „verschwanden“.

Die Bischöfe in der Provinz Saskatchewan haben jetzt einen Spendenaufruf für die Nachfahren der indigenen Bevölkerung gestartet. Ansonsten setzen sie ihre Hoffnung auf das für Dezember angesetzte Treffen von Papst Franziskus mit Indigenen. Diese verlangen vom Papst vor allem eins: eine Entschuldigung. THOMAS SPANG

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