MIKE SCHIER
In der schnelllebigen Politik gerät manches rasch in Vergessenheit: Als Robert Habeck im April Annalena Baerbock in der K-Frage den Vortritt lassen musste, klang das so, als werde die Spitze weiter als Tandem fungieren. Doch Habeck, der seinen Frust über die Entscheidung schon kurz darauf ungewohnt offen bekundete, trat fortan in den Hintergrund. Allein Baerbock bestimmt den öffentlichen Auftritt der Partei, was sich in den vergangenen Wochen immer öfter als Problem entpuppte. Anders als seine aufgeschreckte Partei schwieg Habeck, als die Kanzlerkandidatin heftigst unter Beschuss geriet.
Jetzt hat er doch noch ein Interview gegeben. Keines, in dem er sich schützend vor die Kollegin stellt. Eher eines, in dem er mit den Aufräumarbeiten des zerschlagenen Porzellans beginnt. Baerbock sei „eine Frau, die von den Themen und ihrer Umsetzung getrieben ist. Dafür geht sie hohe persönliche Risiken ein, wie man jetzt ja sieht.“ Ein zweideutiger Satz. Er klingt so, als sei die Kandidatin, die die Partei zunächst in nicht gekannte Umfrage-Höhen führte, zur Belastung geworden. Und auch wenn sie Personalstreitigkeiten besser kaschieren als Union oder SPD: Ein Hort der Harmonie waren die Grünen nie!
Schon kommen die ersten Umfragen, in denen die SPD wieder auf Augenhöhe mit den Grünen liegt. Kurioserweise muss ausgerechnet dies auch die Union ein wenig beunruhigen. Denn unter der Führung der Grünen war die Ampel-Koalition nie eine ernsthafte Option für die FDP. Aber was passiert, wenn eine rote Ampel die einzige Option gegen Schwarz-Grün wäre? Mit einem Kanzler Olaf Scholz würde Christian Lindner rasch in Erklärungsnöte kommen. Noch einmal Opposition, nur um nicht „falsch zu regieren“, gäbe auch intern Gegenwind.
Mike.Schier@ovb.net