Port-au-Prince – Zwei Tage lang waren die sonst stets verstopften, lärmigen Straßen von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince leer. Es herrschte Schockstarre. Im hügeligen Vorort Pelerin, wo Staatspräsident Jovenel Moïse in der Nacht zum Mittwoch in seiner Residenz erschossen worden war und die Polizei nun nach den Tätern fahndete, durchbrachen immer wieder Schüsse die Stille.
Jetzt ist wieder so etwas wie Normalität eingekehrt – soweit man das von einer Stadt behaupten kann, die zu einem Drittel unter der Kontrolle brutaler Banden steht. Als Ausländerin traue sie sich noch nicht vor die Tür, berichtet die Landesdirektorin der Welthungerhilfe, Annalisa Lombardo. Es sind aufgebrachte Menschenmengen unterwegs, und die Regierung hat erklärt, dass die Attentäter Ausländer seien.
Fünf der 28 Mitglieder der Kommandotruppe, die Moïse ermordet und seine Ehefrau Martine verletzt haben sollen, sind laut Polizei auf der Flucht. 20 wurden festgenommen, drei getötet. 26 der Täter sollen kolumbianische Söldner sein, die übrigen zwei US-Amerikaner haitianischer Herkunft. Sie sollen sich als Anti-Drogen-Agenten ausgegeben haben. Kolumbiens Führung hat 13 Ex-Soldaten identifiziert.
Die zwei größten Fragen sind offen: Wer hat den Mord in Auftrag gegeben? Und warum? Auch zum Ablauf der Ereignisse bleibt vieles ungeklärt. Warum haben beispielsweise die Wächter von Moïses Residenz anscheinend keinen Widerstand geleistet?
Rätselhaft sei auch, meint Lombardo, dass das angeblich gut ausgebildete Kommando keinen Fluchtplan hatte. „Und dann wurden sie vom wütenden Mob mit bloßen Händen gefangen.“ Mehr und mehr Haitianer bezweifelten, dass die Söldner hinter dem Attentat steckten, erzählt sie. „Es gibt ein deutliches Gefühl, dass etwas inszeniert worden ist.“
Richard Widmaier findet es lachhaft, dass die sonst unfähige Polizei auf einmal 20 Profi-Killer innerhalb kurzer Zeit geschnappt haben will. „Das kauft ihnen keiner ab“, sagt der Chef des Senders „Radio Métropole“. Es gebe Informationen, wonach die Kolumbianer in Wirklichkeit von der Regierung im Kampf gegen die Gangs im Juni angeheuert worden waren, in der Nacht zum Mittwoch zu Hilfe gerufen wurden und bei ihrer Ankunft den Präsidenten tot auffanden. „Es scheint, als seien sie diejenigen gewesen, die sie ins Krankenhaus brachten“, sagt er mit Blick auf die Präsidentengattin.
Die meldet sich am Samstag erstmals nach der Tat mit einer Audio-Nachricht auf Twitter zu Wort. Sie sagt, Gegner ihres Mannes hätten Söldner geschickt, um ihn umzubringen, weil er das Land verbessern und ein Verfassungsreferendum wollte.
Es werde jetzt mit dem Finger auf verschiedene Personen als mögliche Hintermänner gezeigt, sagt Widmaier. Moïse habe viele Feinde gehabt. Er hatte erst am Montag den Neurochirurgen Ariel Henry zum neuen Interims-Premierminister ernannt. Dessen Vereidigung fiel nach dem Attentat aber aus. Sein Vorgänger, der Außenminister Claude Joseph, erklärte sich zum amtierenden Regierungschef. Manche Aktivisten und Politiker vermuten auch wegen dieser zeitlichen Folge einen Putsch.
Joseph wird von der internationalen Gemeinschaft als Ansprechpartner akzeptiert, Henry sieht sich aber als den wahren Premierminister. Weil Haiti seit gut eineinhalb Jahren kein beschlussfähiges Parlament hat, kann keiner von beiden verfassungsgemäß bestätigt werden. Widmaier befürchtet angesichts der Bandengewalt und einer wütenden und hungrigen Bevölkerung, dass es zu verheerenden Ausschreitungen kommen könnte. Dann würde er US-Truppen begrüßen. „Wir alle spüren, dass irgendwas passieren wird – dass es noch nicht vorbei ist.“