Berlin/München – Die Frage drängte sich auf. Wollen die Grünen nach den Rückschlägen der letzten Wochen im Wahlkampf nicht auf Annalena Baerbock als Zugpferd setzen? Zwar hatte am Wochenende ihr Co-Parteivorsitzender Robert Habeck die Diskussion um einen Wechsel in der Spitzenkandidatur für intern nicht existent erklärt. Doch die Wahlkampagne, deren Vorstellung gestern Bundesgeschäftsführer Michael Kellner übernahm, hebt Baerbock auffällig wenig hervor. Das Wort Kanzlerin kommt nicht vor.
Nein, man wolle Baerbock nicht verstecken, sagte Kellner. Eine Zuspitzung auf Personen sei aber erst später vorgesehen. Und Baerbock-Plakate seien das mit Abstand meist bestellte Motiv bei den Wahlkämpfern vor Ort.
Gut ein Dutzend Plakatmotive präsentierte Kellner am Montag erstmals öffentlich. Einige zeigen Baerbock und Habeck zusammen, eines nur Habeck, zwei sind alleine Baerbock vorbehalten. Die meisten Entwürfe zieren verschiedene Slogans zusammen mit Menschen aus den jeweils angesprochenen Zielgruppen. Das sind besonders die Generation 60 plus und junge Menschen. Um zwei Millionen Erstwähler will man auch per Post werben.
Auf allen Plakaten zu lesen ist das Wahlkampf-Motto: „Bereit, weil ihr es seid.“ Es gebe in der Bevölkerung eine hohe Bereitschaft zum Klimaschutz und zur Veränderung, erläuterte Kellner. Subtext: Die Grünen wollen nicht diktieren, sondern umsetzen, was die Menschen ohnehin wollen, es von der Regierung aber nicht bekommen. Sozialer Zusammenhalt, Vielfalt und die Stärkung Europas und der Demokratie, das seien zusammen mit Klima- und Artenschutz „die großen Aufgaben unserer Zeit“.
Was die Plakate nicht thematisieren, Kellner aber klar anspricht: Hauptgegner ist die Union. Die bekenne beim Klimaschutz keine Farbe, und ihre Steuerpläne dienten vor allem Besserverdienern. „Es ist ein Richtungswahlkampf und wir fordern die Union heraus“, so Kellner.
Das will man auch digital tun. Man werde den Wahlkampf massiv digitalisieren, kündigte der Bundesgeschäftsführer an. Es gebe Online-Kampagnen, eine Wahlkampf-App zur Unterstützung der Haustür-Wahlkämpfer und man habe den größten Instagram-Account aller Parteien. Geld für all das ist vorhanden. Schon jetzt gingen fünfmal mehr Spenden als im ganzen Wahlkampf 2017 ein. Mit einem Wahlkampf-Budget von 12,5 Millionen Euro sei man aber immer noch „der Underdog“.
Klassische Wahlkampf-Veranstaltungen soll es geben, soweit es die Pandemie zulässt. „Wir planen mit mehreren Szenarien“, sagt Kellner. Habeck werde ab dieser Woche, Baerbock ab 9. August auf Tour gehen.
Die Früchte will man nicht erst am Wahltag ernten. Man wolle schon vorher Briefwähler-Stimmen sichern. Später im Wahlkampf werde man dann noch weitere Plakatmotive präsentieren. Und darauf werde, möglicherweise, auch das Wort Kanzlerin zu finden sein. STEFAN REICH