Bilanz der Fußball-EM

Großes Geschäft statt große Moral

von Redaktion

MIKE SCHIER

Die Fußball-EM 2021, pardon 2020, ist Geschichte – und ihr Ende verlief so politisch wie der ganze Wettbewerb. Kaum war der letzte Elfmeter gehalten, setzten die nächsten Debatten ein: über die Corona-Entscheidungen der britischen Regierung, prügelnde Fans vor den Stadiontoren und über Rassismus im Netz gegen eigene Spieler. Das passte ins Bild: Selten dominierten bei einem Turnier so viele Themen abseits des Sports. Stephan Mayer (CSU), parlamentarischer Staatssekretär des Bundesinnenministeriums, setzte sogar zu einer abschließenden Blutgrätsche gegen die Uefa an. Von der werde man sich bei der nächsten EM, die schon in drei Jahren in Deutschland stattfindet, „nicht erpressen lassen“.

Das zeigt, wie viel Porzellan bei diesem Turnier zerschlagen worden ist, das ursprünglich als gesamteuropäisches Freudenfest geplant war, aber nur die Fliehkräfte offenbarte, die auf den Kontinent derzeit einwirken. Der Brexit, der Streit in der EU, die Pandemie. Austragungsorte wie Dublin wurden wegen zu starker Beschränkungen aus dem Turnier gekegelt, während Viktor Orbán und Boris Johnson nur zu gern auf Drängen der Uefa ihre Stadien füllten. Dazu die oft unschönen Debatten um kniende Spieler oder Stadien in Regenbogenfarben. Da half es auch nichts mehr, dass zum Finale das etwas lächerliche Spielzeugauto eines Großsponsors, das den Spielball brachte, in Regenbogenfarben lackiert war.

Was bleibt, ist ein fader Geschmack. Große Geschäfte und große Moral passen selten zusammen, weshalb sich Uefa und Fans entfremden. Auch immer mehr Spieler geraten unter Druck, wenn sie sich sozial verantwortungsbewusst gerieren, ihre Millionen aber von Qatar Airways oder Gazprom kassieren. Und die Debatten haben erst begonnen. Die WM 2022 findet in Katar statt.

Mike.Schier@ovb.net

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