„Heute lächelt keiner mehr“

von Redaktion

VON MARCUS MÄCKLER

Ottobrunn/Taufkirchen – Dass Bäume vor seiner Umarmung nicht sicher sind, ist bekannt, Gleiches gilt offenbar auch für Raketen. Als die Festreden vorbei sind, schleppen Mitarbeiter der TU München (TUM) das Modell einer Ariane-Rakete längs durch den Saal, dann rauf auf das kleine Podest. Sie ist strahlend weiß und überragt den selbst nicht kleinen Ministerpräsidenten um einige Zentimeter. Und er drückt Ariane an sich.

Es geht an diesem Montag ausnahmsweise mal nicht um ein kleines Virus, sondern um das große Weltall: Die TUM weiht in Ottobrunn (Kreis München) ein neues Gebäude ein, das zur noch jungen Fakultät für Luftfahrt, Raumfahrt und Geodäsie gehört. Die wiederum ist ein Kernstück des bayerischen Weltraumprogramms. Söders Pläne sind groß: „Bayern soll das Space Valley in Deutschland und in Europa werden.“

Die Idee, Bayern fit fürs All zu machen, ist gut drei Jahre alt. Als Söder sie 2018 unter dem Titel „Bavaria One“ vorstellte, erntete er viel Hohn. Manche spöttelten über „Söderchens Mondfahrt“. Hubert Aiwanger, damals noch mit seinen Freien Wählern in der Opposition, dichtete den Titel zu „Bavarian Größenwahn“ um und empfahl der CSU, ihren Chef auf den Mond zu schießen. Zu der Zeit seien die „Kleinmütigen groß“ gewesen, sagt Söder im Rückblick. „Heute lächelt keiner mehr.“

Zumindest die lauten Spötter sind ruhig geworden. Dass der Weltraum ein Zukunftsmarkt ist, bestreitet niemand. Amerikaner und Chinesen wetteifern um den Mars, Unternehmer wie Jeff Bezos und Richard Branson um die Vorreiterrolle in der privaten Raumfahrt. Söder selbst gerät ins Schwärmen, nennt eine Mission zum Mars „eine der faszinierendsten Ideen überhaupt“ und spricht vom „Pioniergeist des Menschen“, der sich in der Raumfahrt widerspiegele. Der Antrieb sei (Achtung, „Star-Trek“-Zitat), dorthin zu gehen, „wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist“.

Möglich, dass sein Hang zur Weltraum-Schwärmerei eine Ursache für den frühen Spott war. Den Forschern geht es aber um etwas anderes. „Wir müssen uns nicht mit Millionärsflügen à la Branson oder abgespaceten Marsmissionen beschäftigen“, sagt TUM-Präsident Thomas Hofmann. Wichtiger sei der Blick vom All auf die Erde, um daraus einen praktischen Nutzen zu ziehen: etwa für Ernährungssicherheit oder Klimawandel. Die Geodäsie, also die Wissenschaft von der Erdvermessung, ermöglicht es zum Beispiel den Anstieg des Meeresspiegels millimetergenau aus dem All zu messen.

Das Interesse ist jedenfalls groß. Aktuell sind 950 Studenten eingeschrieben, Ende der 2020er-Jahre sollen es bis zu 4000 sein. Von den geplanten 55 Professuren sind laut Söder 23 besetzt. Ziel ist es, „Europas größte Weltraumfakultät“ zu schaffen. Noch sind Teile des neuen Gebäudes im Bau – die gestrige Eröffnung also ein kleines Schrittchen in einem großen Plan.

Manche sehen die kleinen Schrittchen auch an anderer Stelle, nämlich beim Geld. Für das gesamte Weltraum-Programm hatte Söder 2018 rund 700 Millionen Euro an Investitionen angekündigt, im Haushalt 2019/20 waren aber nur 30 Millionen vorgesehen. „Wir erwarten nicht nur ein verbales, sondern auch ein finanzielles Feuerwerk in dem Bereich“, sagt der FDP-Politiker Wolfgang Heubisch. Söder betont, man wolle die Zusagen einhalten.

Wem das All zu weit weg ist, der findet unter dem Dach der Fakultät auch erdnähere Forschung. Das Projekt „Horyzn“ etwa hat eine Drohne entwickelt, mit der medizinisches Gerät schnell zu Unfallorten gebracht werden kann. Auch an der Mobilität der Zukunft wird geforscht. Nahe dem neuen Gebäude soll 2022 eine 24 Meter lange Teststrecke für den „Hyperloop“ entstehen. Das ist ein Beförderungssystem, bei dem sich Kabinen mit bis zu 800 km/h durch eine Röhre bewegen. Im Fakultätsgebäude ist ein Modell ausgestellt, Söder interessiert sich. „Wie lange dauert’s denn von München nach Nürnberg?“, will er wissen. Schwer zu sagen, die Forscher laden ihn aber ein, die Strecke einzuweihen, als erster Passagier. 24 Meter sollten in ein paar Sekunden zu schaffen sein.

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