München – Angela Merkel kennt viele Ursachen, warum sich Menschen nicht gegen Corona impfen lassen. Es gebe solche, die sich für unverwundbar halten, andere empfänden die Spritze als bedrohlich oder seien schlecht informiert. Plausibel findet die Kanzlerin keinen der Gründe. Allen, die noch zweifeln, sagt sie bei einem Besuch des Robert-Koch-Instituts (RKI): „Eine Impfung schützt nicht nur Sie, sondern auch immer jemandem, dem Sie nahestehen, der Ihnen wichtig ist, den Sie lieben.“
Es ist ein eindringlicher Appell, wie man ihn von Merkel selten hört, aber kein Machtwort. Eine Impfpflicht schließt sie aus. Sie spricht von Vertrauen, das sich nur durch Argumente erreichen lasse: „Je mehr geimpft sind, umso freier werden wir wieder sein.“ 85 Prozent der Zwölf- bis 59-Jährigen sind das Ziel, 90 bei den Älteren. Das ist noch ein weiter Weg.
Andere Länder gehen bereits einen Schritt weiter – vielerorts lebt es sich ungeimpft zunehmend ungemütlicher. In Griechenland dürfen sich die Menschen künftig nur noch in den Innenräumen von Gastronomie- und Kulturbetrieben aufhalten, wenn sie gegen Corona geimpft sind. Beschäftigte im Gesundheitssektor und in der Altenpflege müssen sich zudem verpflichtend impfen lassen – sonst droht die Entlassung. „Wir werden das Land wegen der Haltung einiger nicht wieder schließen“, sagte Premier Kyriakos Mitsotakis. Patienten auf den Intensivstationen seien „zu 99 Prozent nicht geimpft“. Die Impfpflicht gilt künftig auch für alle Wehrpflichtigen.
Auch in Frankreich wächst der Druck. Präsident Emmanuel Macron kündigte in einer TV-Ansprache, die 22 Millionen Menschen verfolgten, eine Impfpflicht für das Gesundheitspersonal an. Wer sich trotzdem nicht pieksen lässt, dem droht ein Arbeitsverbot. Auch für die Gesamtbevölkerung stelle sich die Frage einer verpflichtenden Impfung. Für nicht Immunisierte wird der Zugang zu Innenräumen von Restaurants, Bars, Kinos oder Theatern erschwert. Aber auch in Zügen und Flugzeugen, Einkaufszentren oder Krankenhäusern wird ab August ein Gesundheitspass Pflicht. Nach der Ansprache meldeten sich 926 000 Menschen im Internet für eine erste Impfung an – das ist ein Rekordwert.
Auch Touristen sind betroffen. Zwar reicht für den Eintritt in Cafés oder Züge ein negativer Test. Allerdings darf er nicht älter als 48 Stunden sein. Wer sich ohne vollständige Impfung länger im Land aufhält, wird wohl in die Tasche greifen müssen, weil Tests für ausländische Gäste nicht mehr kostenlos sind.
In Italien sind Ärzte und anderes medizinisches Personal bereits seit Ende Mai zur Immunisierung verpflichtet. Anderenfalls droht ihnen ein Verbot, mit Patienten zu arbeiten. Gegen diese Auflage haben 300 Betroffene geklagt.
In Großbritannien teilte die Regierung vor einem Monat mit, dass alle Mitarbeiter von Seniorenheimen vollständig geimpft sein müssen. Die Pflicht gilt auch für Friseure, die in die Heime kommen, sowie freiwillige Helfer. Die Maßnahme muss noch vom Parlament gebilligt werden.
In den USA gibt es nur vereinzelt Zwangsmaßnahmen: Die Stadt San Francisco kündigte an, dass sich ihre 35 000 Angestellten impfen lassen müssen, sonst drohen Konsequenzen bis zur Entlassung.
Weltweiter Vorreiter im Bestrafen von Impfverweigerern ist Pakistan – obwohl erst vier Prozent der Menschen mindestens einmal geimpft sind. In einer Provinz dürfen Ungeimpfte nicht in Einkaufszentren, in einer anderen erhalten Beamte kein Gehalt mehr, wenn sie die angebotene Impfung verweigern. Die Provinz Punjab drohte allen Pieksmuffeln sogar, den Telefonanschluss zu kappen.
In Deutschland verfolgt man die Maßnahmen anderer Länder sehr genau. Ungeimpften keine kostenlosen PCR-Tests mehr anzubieten, wie Frankreich es ab Herbst plant, ist für Merkel momentan zwar kein Thema. Erst mal gehe es um das Werben, „dann diskutieren wir weiter“. Wenn also Appelle allein nicht reichen, könnte der gute Wille bald an seine Grenzen stoßen.