Unterhaching – Ilse Aigner will unbedingt noch einmal ran: „Mit voller Kraft, in den nächsten zwei Jahren, weil mir unser Land am Herzen liegt“, ruft sie am Samstag den 322 Delegierten im Stadion Unterhaching (Kreis München) zu. Die 56-Jährige will Bezirksvorsitzende der Oberbayern-CSU bleiben, tritt ohne Gegenkandidaten an.
Die Landtagspräsidentin bekommt für ihren Enthusiasmus anhaltenden Applaus – doch für sie scheinbar zu früh: „Ich wollte eigentlich erst einmal sagen, wofür ich stehe“, fügt sie gefolgt von Lachern hinzu. Also geht es noch kurz um einen „ausgeglichenen und vermittelnden Kurs“, den sie plant. Später, nach der Wahl, darf sie sich mit zwei Blumensträußen schmücken – und freut sich, begleitet von vereinzelten „Bravo“-Rufen, über sehr beachtliche 97,8 Prozent der Stimmen, die ihr gewachsenes Gewicht in der Partei unterstreichen.
Auch CSU-Chef Markus Söder schaut ihr aus der ersten Reihe zu. Vor der Abstimmung findet er lobende Sätze für die Parteifreundin, die sich als eine von wenigen gelegentlich auch mal vorsichtige Widerworte gegen den Parteichef zu formulieren traut. In einem „schwieriger gewordenen Landtag“ halte sie die Fäden zusammen, sorge für Haltung sowie Akzeptanz, „und manchmal auch für Sanktionen“. Die „super Landtagspräsidentin“ mit einem „bescheidenen Ministerpräsidenten“ an ihrer Seite.
Wie Aigner zuvor betont er mit Blick auf die Bundestagswahl: „Es ist noch nicht gelaufen.“ Corona sei leider noch nicht vorbei, man werde angesichts der Impfungen mit höheren Inzidenzen arbeiten müssen und die Entwicklung in den Kliniken einbeziehen.
Söder lässt die Gelegenheit nicht verstreichen, gegen seinen Stellvertreter, Hubert Aiwanger (Freie Wähler), auszuteilen. Dessen Bemerkungen einer „Impf-Apartheid“ seien „verstörende Aussagen“, eine „völlig unangemessene Wortwahl“, die Aiwanger zurücknehmen und für die er sich entschuldigen müsse.
Zudem macht die Bundestagswahl-Kandidatur der Freien Wähler in Söders Augen gar keinen Sinn. „In NRW kennt sie keiner, im Norden versteht sie keiner.“ Über die Grünen lästert er ebenfalls: Die Leute beginne die „ständige moralische Besserwisserei“ zu nerven, das Programm sei nichts Neues. Lieber solle man den Grünen einen „Praktikumsplatz im Umweltministerium“ in Bayern anbieten – denn hier laufe es im Vergleich zu anderen gut.
Alexander Dobrindt, CSU-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, greift sich das grüne Kernthema heraus: den Klimaschutz. Ja, ab 2035 keinen CO2-Ausstoß mehr bei den Autos. „Aber wie das geschieht, muss technologieoffen bleiben“, findet er. Keine pauschale Absage an den Verbrennungsmotor. Auch die Abschaffung der Kurzstreckenflüge sorge für einen „harten Schaden am europäischen Gedanken“.
Bei der Wahl von Aigners Vizes gibt es dann noch eine Überraschung: Die Delegierten müssen einen gelben Wahlzettel kurzerhand zerreißen. Denn es kommt nicht, wie gedacht, zu einer Kampfabstimmung. Erdings Landrat Martin Bayerstorfer verzichtet auf seine Kandidatur. „Einheit und Geschlossenheit“ seien wichtig. Und vor der Bundestagswahl müsse jemand vom Bund vertreten sein, sagt er.
So kommt es dann auch: Die neu gewählten Stellvertreter von Aigner sind JU-Mitglied Daniel Artmann (86,94 Prozent), Agrarministerin Michaela Kaniber (81,6 Prozent), der Bundestagsabgeordnete Reinhard Brandl (81,4 Prozent), Landrat Siegfried Walch (76,5 Prozent) und Ministerin Kerstin Schreyer (75,8 Prozent). CINDY BODEN