Die Kanzlerin im Trümmerfeld

von Redaktion

VON KATHRIN BRAUN

München – Die Kanzlerin spricht an diesem Tag nicht viel. Sie hört zu, nickt immer wieder. Wenn ihr Feuerwehrleute erzählen, wie sie seit Tagen zwischen Schlamm und Schutt versuchen, die Trümmer in ihrem Dorf zu beseitigen. Oder wenn ihr Menschen zwischen verschlammten Resten von Tischen und Stühlen zeigen, wo noch vor wenigen Tagen ihr Zuhause war. „Es ist nicht zu fassen“, sagt Angela Merkel.

In einer kleinen Menschentraube aus Politikern, Kameraleuten, Polizisten und Feuerwehrleuten bewegen sich Merkel und Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) durch Schuld – ein Dorf im Landkreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz, keine 800 Einwohner. Das Hochwasser hat den Ort verwüstet. Ein Hubschrauber kreist über der Gemeinde, zwischendurch hört man Sirenen im Hintergrund. Merkel bleibt immer wieder bei Einsatzkräften stehen, bedankt sich kurz. „Wir wollen ihre Arbeit nicht stören“, sagt sie dann.

Viele Einwohner und Helfer blicken kurz auf, wenn sie die Kanzlerin sehen. Dann schaufeln, schleppen, karren sie weiter. Viele Häuser sind in den Schlammmassen eingebrochen. „Wir haben glücklicherweise keine Toten, keine Verletzten, keine Vermissten“, sagt Helmut Lussi, Bürgermeister von Schuld. Was das angeht, hat es viele Orte noch schlimmer getroffen.

Allein im Kreis Ahrweiler wurden 112 Tote gezählt. In Nordrhein-Westfalen starben mindestens 46 Menschen. Noch immer werden zahlreiche Personen vermisst. Die Kanzlerin ist am Sonntagmittag nach Schuld gereist, um sich dort exemplarisch für alle betroffenen Gemeinden und Städte ein Bild von der Verwüstung zu machen.

Die Situation sei „surreal, gespenstisch“, sagt Merkel nach ihrem Rundgang. „Die deutsche Sprache kennt kaum Worte für die Verwüstung, die hier angerichtet wurde.“ Es sei berührend, wie die Menschen in dem Dorf zusammenhalten, sich gegenseitig helfen. „Wir stehen an Ihrer Seite“, verspricht sie. „Bund und Länder werden gemeinsam handeln, um die Welt hier wieder Stück für Stück in Ordnung zu bringen.“

Merkel garantiert schnelle Hilfen – für alle betroffenen Orte. Deutschland könne das finanziell stemmen. Die Menschen bräuchten aber einen „langen Atem“, bis alles wieder in Ordnung ist. Wer helfen wollte, könne das am besten mit Geldspenden. Viele Orte können die riesigen Mengen an Sachspenden kaum noch koordinieren.

„Wir haben in den Medien von Starkregen gehört“, erinnert sich Bürgermeister Helmut Lussi. „Wir haben eigentlich ein Hochwasserschutzkonzept, das uns seit Jahren behütet hat.“ Es habe zwar immer mal wieder überflutete Keller gegeben. „Aber das hier übersteigt alle Dimensionen.“ Die Leute hätten innerhalb von wenigen Minuten ihr Hab und Gut verloren. „Viele Menschen wurden von der Feuerwehr in letzter Minute gerettet.“ Dann kämpft er mit den Tränen. „Diese Flut wird für die Menschen Narben hinterlassen.“ Schuld werde nie wieder der Ort sein, der er mal war.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer sagt, es gebe nach wie vor eine hohe Zahl an Vermissten. „Wir bangen mit den Angehörigen, dass sie hoffentlich irgendwo untergekommen sind.“ Man werde nicht ruhen, bis sie gefunden werden. Sie spricht von einem nationalen Kraftakt auf „lange, lange Zeit“. Das Bundesland könne die Situation nicht alleine stemmen.

Dreyer und Merkel sind sich einig, Deutschland müsse dringend mehr für den Klimaschutz tun. Dreyer meint, Rheinland-Pfalz habe bei Investitionen in den Hochwasserschutz „nie nachgelassen“. Das Land sei eigentlich gut gerüstet. Merkel sagt, Investitionen in den Klimaschutz seien teuer – aber was der Klimawandel anrichten würde, sei noch teurer. Die Politikerinnen besuchen am Nachmittag noch den Ort Adenau, der ebenfalls schwer getroffen wurde.

Nicht überall hat sich die Gefahrensituation entspannt. An der Steinbachtalsperre südwestlich von Bonn fließt das Wasser langsamer als erwartet ab. Viele befürchten einen Bruch des Staudamms – die Bezirksregierung Köln konnte gestern Nachmittag keine Entwarnung geben. Auch in Südostbayern war die Situation gestern nach wie vor angespannt (siehe Blickpunkt). (mit dpa)

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