Johnsons Hin und Her zur Normalität

von Redaktion

VON BENEDIKT VON IMHOFF UND CHRISTOPH MEYER

London – Der Zeitpunkt könnte für Premierminister Boris Johnson kaum schlechter sein: Nur wenige Tage vor seinem groß angekündigten „Freedom Day“, dem Tag, an dem fast alle Corona-Maßnahmen in England fallen, steckt sich ausgerechnet Gesundheitsminister Sajid Javid mit dem Coronavirus an – obwohl er zweifach geimpft ist.

Ab heute müssen die Menschen in England weder Maske tragen noch Abstand halten. Johnson setzt auf die Selbstverantwortung der Menschen. Doch kurz vor der versprochenen Rückkehr in die Normalität gerät er unter Druck: Wie umgehen mit Javids Infektion? Sowohl Johnson als auch Finanzminister Rishi Sunak hatten Kontakts mit Javid. Zunächst hieß es, sie müssten nicht in Selbstisolation. Grund: die Teilnahme an einem Pilotversuch, der stattdessen tägliche Tests vorsehe. Doch ein Sturm der Empörung im Land führte gestern innerhalb weniger Stunden zu einer Kehrtwende: Johnson werde sich auf seinem Landsitz Chequers isolieren, hieß es in einer eilig nachgeschobenen Mitteilung.

Auch Finanzminister Sunak gestand per Twitter ein, dass eine Bevorzugung von Regierungsmitgliedern kein gutes Bild abgeben würde. Immerhin sitzen derzeit Hunderttausende Briten zuhause, weil sie nach Kontakt mit infizierten Person zur Selbstisolation aufgefordert wurden.

Für Johnson könnte jetzt das Hin und Her zum Glaubwürdigkeitsproblem werden. Sein Kurs ist nur schwer zu durchschauen: Auch weil die Regierung nun kurzfristig entschieden hat, den Nachbarn Frankreich von den ab heute geltenden Reiseerleichterungen auszunehmen. Trotz Impfung müssen Rückkehrer wieder in Quarantäne.

Das Virus grassiert wieder in Großbritannien – inzwischen liegt die Zahl der täglichen Neuinfektionen bei über 50 000. Auch die Krankenhauseinweisungen nehmen zu. Weil aber ein Großteil der erwachsenen Bevölkerung geimpft ist und die Zahl der Todesfälle weiterhin auf niedrigem Niveau liegt, sei es aus Sicht der Regierung richtig, die Maßnahmen fallen zu lassen. Selbst Nachtclubs öffnen wieder ohne Beschränkungen.

Dass die Infektionszahlen weiter klettern werden, bezweifelt die Regierung nicht. Im Gegenteil: Gesundheitsminister Javid hält bis zu 100 000 neue Fälle täglich für realistisch. Das wissenschaftliche Expertengremium Sage erwartet mindestens 1000 Krankenhauseinweisungen sowie 100 bis 200 Corona-Tote täglich. Trotzdem will Johnson das Land Richtung Normalität führen. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, lautet die Regierungslinie. Mildes Wetter und die Sommerferien seien bessere Rahmenbedingungen als eine Grippewelle im Herbst.

Kritik von Experten lässt Johnson nicht gelten. Allen sei klar, wie sie es mit Masken halten sollen, sagte er – dabei klagen Geschäfte und Firmen über fehlende Leitlinien. Die Gewerkschaft TUC warnt vor einem „Rezept für Chaos und steigende Infektionen“. Kritiker werfen der Regierung vor, nach der Fußball-EM mit Zehntausenden Fans im Stadion in eine Katastrophe zu steuern. Mehr als 1200 Mediziner und Wissenschaftler fordern in einem offenen Brief eine Verschiebung der Lockerungen. Besonders junge Leute, die erst eine Impfdosis erhalten haben, und chronisch Kranke seien in Gefahr.

Auch die Regierungschefs in Großbritannien, wo Gesundheit Sache der Länder ist, sind sich nicht einig. Mit seinem Vorpreschen mache Johnson England zum Außenseiter, kritisiert Mark Drakeford, Regierungschef von Wales. Er lockert ebenso vorsichtiger wie seine schottische Kollegin Nicola Sturgeon. Selbst im Parlament ist die Konfusion groß. Er habe keine Befugnis, den Abgeordneten Masken vorzuschreiben, klagt Parlamentspräsident Lindsay Hoyle. Angestellte müssen hingegen weiter Maske tragen. Das ist auch in Bussen und Bahnen in London weiterhin Vorschrift.

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