WIE ICH ES SEHE

Neue Ehre für Sirenen

von Redaktion

Wer an einem Fluss wohnt, weiß um die Gefahr von Überflutungen. Überall in solchen Orten finden sich an alten Häusern Wassermarken. Sie zeigen an, in welchem Jahr und welchem Jahrhundert ein extrem hoher Pegelstand gemessen wurde. Die Flutkatastrophe in diesem Jahr war eine Jahrhundertflut, die es künftig öfters geben könnte.

Der Deutsche Wetterdienst hat gut gearbeitet. Seine wiederholten Warnungen sind allerdings bei den Betroffenen nicht angekommen. Keine Sirene ging los, was früher in Deutschland als Katastrophenschutz selbstverständlich war. Nach der Wiedervereinigung in den Jahren zwischen 1992 und 1995 wurden mehr als 40 000 Sirenen abgebaut in der Meinung, dass ein flächendeckendes Warnsystem nun nicht mehr notwendig sei. Es sei ausreichend, bei drohender Gefahr die Bevölkerung über Rundfunk, Internet oder eben per SMS zu warnen.

Die wenigen übrig gebliebenen Sirenen werden vor allem in ländlichen Gebieten, wo es Freiwillige Feuerwehren gibt, nur noch für den Feueralarm genutzt.

Nun ist die Diskussion neu eröffnet, auf welchem Weg künftig besser vorgewarnt werden kann. Das Bundesinnenministerium setzt auf eine digitale Warn-App. Aber wer schläft, bekommt es kaum mit, und bei verheerenden Unwettern ohne Strom ist auch jedes Handy mausetot. So kommt ein neues Sirenensystem wieder ins Gespräch.

Schon 1819 hatte der französische Physiker Charles Cagniard de la Tour das erste Gerät entwickelt, das die Erzeugung von Hochfrequenztönen auf mechanischem Weg möglich machte. Er nannte seine Erfindung „Sirene“ nach den bekannten Fabelwesen aus der griechischen Mythologie. Die Sirenen lockten durch ihren betörenden Gesang vorbeifahrende Seefahrer an, um sie zu töten. Der listenreiche Odysseus lässt sich an den Mast seines Schiffes binden, um den Sirenengesang zu vernehmen. Seine Mannschaft hatte die Ohren mit Wachs verstopft und den strengen Befehl, wie sehr er auch betteln möge, ihn nicht loszubinden, um den Sängerinnen nicht als willkommenes Opfer in die Arme zu fallen. Nach Homer wissen die Sirenen im Voraus, was auf der Welt, wo auch immer, passieren wird. Diese Verbindung der Sirenen zu kommenden Ereignissen und Unglücken hat Cagniard bestimmt, seiner Erfindung den Namen „Sirene“ zu geben.

Aus den Sirenen der antiken Mythologie wurden später die Meerjungfrauen, schön im Oberleib, aber monströs zugleich mit einem Unterleib als Flosse eines Fisches. Zwischen Schönheit und Begehren stehen sie ebenso für Sex und Sünde. Dr. Faustus im Roman von Thomas Mann wird teuflisch nachts von der Meerjungfrau besucht. Und manchmal – zu seiner größeren Lust – kommt sie in menschlicher Gestalt auf zwei Beinen zu ihm. Aber dann muss sie Schmerzen ertragen, so als wenn sie auf scharfen Messern gehen würde.

Die kleine Meerjungfrau aus dem Märchen von Hans Christian Andersen dagegen sitzt bis heute auf ihrem Stein in der Hafeneinfahrt von Kopenhagen, verführerisch und zugleich unberührbar. Das wenigstens ist eine gute Sirene, niemand möchte auf sie verzichten.

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VON DIRK IPPEN

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