Kräftige Rempler im Stadion

von Redaktion

Söders Sommer-Gruß an Laschet: „Wir brauchen einfach mehr Tempo und Power“

Nürnberg – Selten hat es in der Politik seltsamere Orte für ein Interview gegeben, aber worüber wundert man sich nach der Corona-Zeit noch? Also läuft Markus Söder am Sonntag in einem Stadion über die Tartanbahn, geht auf die Tribüne. Es ist die Nürnberger Arena, vor sich hat er dann ein Wasserglas, Kameras, 44 308 leere rote Sitzschalen und den Journalisten Theo Koll: Das Sommer-Interview im ZDF, diesmal wegen der Unions-Querelen und des Aiwanger-Ärgers mit Neugier erwartet, kann starten.

Im Zentrum stehen, natürlich, Fußballfloskeln. In einfachem Stadiondeutsch wiederholt der CSU-Chef seine scharfe Ermahnung an die CDU, endlich im Wahlkampf das Kämpfen zu beginnen. Wie im Fußball empfehle es sich, „einfach auch noch mal selbst zu stürmen und ein bisschen offensiv zu werden“, sagt Söder in dem am Abend ausgestrahlten Interview. Er verlangt bis 26. September eine angriffslustigere Strategie: „Das muss jetzt kommen.“ Er sehe das wie Unionskanzlerkandidat Armin Laschet, habe am Freitag lange telefoniert: „Wir sind uns einig, wir brauchen einfach mehr Tempo und Power.“

Wirklich einig? Hochrangige Unionspolitiker erzählten zumindest vor Sonntag stets das Gegenteil. Mitnichten sehe Laschet den strategischen Vorteil eines aggressiveren, inhaltsschwereren Kampfes vor der Wahl. Man dringe bei ihm mit diesem Wunsch kaum durch. Und seine Vertrauten aus der CDU, die sein Ohr haben, teilten die Analyse offenbar nicht. Im Ergebnis sind die CDU-Werte in den Umfragen ins Rutschen gekommen, 30 minus X.

Söder weiß: Jedes Wort der Kritik am CDU-Kurs wird ihm gern als Nachtreten ausgelegt, beleidigte Besserwisserei von der Seitenlinie. Er definiert im ZDF seine Rolle neben Laschet als „Antreiber“. Seine Sorge sei, dass der „seltsame Wahlkampf“ um Lebensläufe oder Lacher dahinplätschert und die Union am Ende wegen fehlenden Engagements nicht stark genug werde, um eine Regierung zu bilden – eine Ampel sei sogar „hochwahrscheinlich“.

Auch Berlin bekommt von Söder Tritte vors Schienbein. Mit Blick auf Corona – auch als entscheidendes Wahlkampfthema – moniert er, es habe wieder viel zu lang gedauert, bis die neue Einreiseverordnung kam: „Mich ärgert das.“ Söder erhöht auch den Druck auf mehr Impfangebote für 12- bis 17-Jährige in den Impfzentren. Er wiederholt, dass voll Geimpfte ihre Rechte früher ganz zurück bekommen sollen, auch den Stadionbesuch. Dann die obligatorische Frage nach der Impfpflicht: Wieder lehnt Söder klar ab, dies würde die Gesellschaft spalten.

Ein Nachspiel gibt es im Konflikt mit Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger (Freie Wähler). „Meine Sorge ist, dass er sich in eine Ecke manövriert, aus der er nicht mehr rauskommt“, sagt Söder. Wenn man sich in die Nähe von Querdenkern begebe, „dann muss man aufpassen, dass man nicht als solcher identifiziert wird“. Aiwanger rede beim Impf-Thema teils exakt wie die AfD. Der Minister wehrt sich schon Minuten später und verbreitet, Söders Querdenker-Vorwurf sei „eine Unverschämtheit“.

Was folgt nun? Entlassung? Söder äußert sich skeptisch. Er verweist zweimal darauf, dass der Minister im Kabinett jeden Corona-Beschluss mitgetragen habe. Der Ministerpräsident lässt indes, das letzte kleine Foul im Stadion, fallen: Die Freien Wähler selbst seien „sehr unglücklich über seine Äußerungen“. Er gebe ihnen nun Zeit. Und die Wirtschaft stelle sich beim Impfen klar gegen Aiwanger. Das sei einem Wirtschaftsminister, meint Söder, noch nie so hart passiert, „so weit ich denken kann“.   CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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