München – Nicht mal Boris Johnson schien dem Braten zu trauen. Als in England am 19. Juli ein Großteil der Corona-Maßnahmen wegfiel und das Land den lang ersehnten „Freiheits-Tag“ feierte, bat der britische Premier die Menschen, „sehr, sehr vorsichtig“ zu sein. Aus gutem Grund: Die Zahl der Neuinfektionen lag teils bei über 50 000 pro Tag und Experten warnten vor noch höheren Werten. Der Epidemiologe Neil Ferguson vom Imperial College hielt 100 000 tägliche Neuinfektionen für „fast unvermeidlich“. Die Frage sei eher, ob es 200 000 würden.
Das klang, als führe die britische Regierung das Land geradewegs in die Katastrophe. Doch heute stellt sich die Lage ganz anders dar. Im Moment liegt die Zahl der Infektionen bei etwa 20 000 pro Tag. Verglichen mit Deutschland ist das immer noch viel, aber angesichts der Prognosen überraschend wenig. Wie konnte es dazu kommen?
Die eine Erklärung gibt es nicht, dafür aber eine Reihe von Ansätzen. Wissenschaftler halten vor allem die sehr gute Impfquote für einen wichtigen Faktor. 73 Prozent der erwachsenen Briten sind inzwischen voll geimpft, 89 Prozent haben mindestens eine Dosis erhalten. Geimpfte mögen zwar nicht hundertprozentig geschützt sein, aber je mehr sich immunisieren, desto schwerer hat es das Virus, sich zu verbreiten. Der Epidemiologe Ferguson schlägt inzwischen auch ganz andere Töne an. Die erfolgreiche Impfkampagne habe die „Gleichung fundamental geändert“, sagte Ferguson im BBC-Radio. Auch das Risiko von Krankenhausaufenthalten oder Todesfällen sei durch die Impfungen verringert worden. Er rechne damit, dass die Pandemie im Land Ende September oder Oktober weitgehend vorüber sei.
Zu der positiven Entwicklung haben aber offenbar auch andere Faktoren beigetragen. Zum Beispiel macht sich bemerkbar, dass gerade Schulferien sind. Die meist ungeimpften Minderjährigen, die maßgeblich bei der Verbreitung der Delta-Variante beteiligt waren, kommen so weniger in Kontakt miteinander.
Auch das Ende der Fußball-Europameisterschaft dürfte eine Rolle spielen. Viele Spiele wurden in England und Schottland ausgetragen, gerade unter Männern hatte das gemeinsame Anschauen zu Infektionen geführt. Dass die warmen Temperaturen die Menschen nach draußen ziehen, wo die Ansteckungsgefahr größer ist, kommt hinzu.
Premier Johnson begründete sein Öffnungs-Experiment unter anderem mit der Absicht, wieder mehr auf die Eigenverantwortung der Menschen zu setzen. Offenbar mit Erfolg. Denn statt alle Zügel schleifen zu lassen, verhalten sich die Menschen nach dem „Freedom Day“ weiter vorsichtig. In Bussen und U-Bahnen werden weiterhin Masken getragen, Homeoffice bleibt angesagt. Und die Clubs füllen sich nur langsam.
Für völlige Entwarnung ist es aber noch zu früh, manche halten den Rückgang der Zahlen nur für eine Schwankung. In der Downing Street im Regierungsviertel gibt man sich bislang zurückhaltend, obwohl die Hoffnung groß sein dürfte, dass das riskante Experiment ohne größere Katastrophe über die Bühne geht. Es sei noch zu früh, sich zu entspannen, sagte Boris Johnson vor einigen Tagen. „Die Menschen müssen vorsichtig bleiben und das bleibt auch der Ansatz der Regierung.“
Zu groß ist noch die Sorge, dass der englische Weg aus dem Lockdown, den Johnson selbst als „vorsichtig, aber unumkehrbar“ anpreist, am Ende doch noch eine Kehrtwende nach sich zieht. Genau das konnte man zuletzt in den Niederlanden beobachten, wo nach einem heftigen Anstieg der Fallzahlen die gerade erst geöffneten Nachtclubs wieder schließen mussten. Aktuell versprechen die Sommerferien in England weitere Entlastung. Doch auch diese werden in ein paar Wochen enden. mmä/dpa