Delta schiebt die Inzidenz an

von Redaktion

VON GISELA GROSS UND SEBASTIAN HORSCH

München – Das griechische Alphabet hat 24 Buchstaben, von denen einer gerade die Welt in Atem hält. Delta heißt die Corona-Variante, die erst Länder wie Indien terrorisierte und inzwischen einen weltweiten Siegeszug angetreten hat. Auch in Deutschland hat sich die hochansteckende Mutation mittlerweile vollständig durchgesetzt – und ihre Vorgängerin, die erstmals in Großbritannien aufgetauchte Alpha-Variante, verdrängt. Während es Anfang Juli noch vom RKI hieß, dass mindestens die Hälfte der Neuinfektionen auf Delta zurückgehe, sind es mittlerweile nahezu alle (97 Prozent).

Das wirkt sich auch auf die Zahl der Neuinfektionen aus. die Sieben-Tage-Inzidenz hat sich innerhalb eines Monats etwa vervierfacht. Am Freitag lag sie bei 20,4 – nach 19,4 am Vortag und 4,9 beim jüngsten Tiefststand am 6. Juli. Trotz steigender Impfquote steigt die Inzidenz damit schneller und früher wieder an als im Sommer 2020.

Für die Gesundheitsämter heißt das, dass sie schon jetzt nicht mehr alle Infektionsketten nachvollziehen können. Elke Bruns-Philipps vom Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes erklärt das mit mehreren Gründen: Die Ansteckungsfähigkeit von Delta sei vergleichbar mit Windpocken und führe dazu, dass auch relativ kurze Kontakte „im Vorbeigehen“ zu einer Ansteckung führen könnten. Eine Ermittlung sei da kaum möglich. Hinzu kämen wieder vermehrte Freizeitaktivitäten.

Gleichzeitig sind die Zahlen zu Krankenhauspatienten und Behandlungen auf Intensivstationen laut RKI weiter auf einem „niedrigen Niveau“. Das dürfte besonders daran liegen, dass sich der Anstieg vor allem in den seltener von schweren Verläufen betroffenen Altersgruppen der 10- bis 34-Jährigen abspielt. Das RKI sieht eine solche Tendenz aber inzwischen auch in den Altersgruppen bis 49. Während die höchsten Werte von knapp 50 Ansteckungen pro 100 000 Einwohner binnen einer Woche bei den 20- bis 24-Jährigen verzeichnet werden, sind sie bei den Menschen ab 55 Jahren noch einstellig – teils zeigen sich aber auch in diesen Gruppen inzwischen leichte Anstiege. Die Impfquoten bei den Menschen über 60 sind in Deutschland höher als bei den Jüngeren.

„Der aktuelle Anstieg ist sicherlich auf die höhere Infektiosität der Delta-Variante zurückzuführen“, erklärt der Epidemiologe Rafael Mikolajczyk von der Universität Halle-Wittenberg. Mit dem Schulbeginn rechne er damit, dass sich der Trend fortsetzt. Die möglichen Auswirkungen seien derzeit schwer abzusehen. „Auch wenn jetzt viele ältere Menschen geimpft sind, gibt es immer noch Millionen, die es nicht sind.“ Bei sehr hohen Infektionszahlen könne dies auch nach milden Verläufen zu einer großen Krankheitslast führen, ohne dass es sich in Krankenhausaufnahmen niederschlage. Angesichts der langen Anstrengungen bei der Pandemiebekämpfung scheine es nicht geboten, nun aufzugeben, erklärte Mikolajczyk: „Weitere Durchimpfung der Bevölkerung sollte immer noch das zentrale Ziel sein“ – und bis dahin eine Kontrolle der Verbreitung.

Der Virologe Klaus Stöhr hält den Vergleich mit dem Sommer 2020 hingegen nicht nur wegen der erreichten Impfquote für schwierig. Auch in Hinblick auf die Intensität von Maßnahmen und Tests, die Mobilität und die Pandemiemüdigkeit der Menschen gebe es Unterschiede. Trendänderungen könnten auch nicht allein auf die Delta-Variante zurückgeführt werden, meint Stöhr. Handlungsbedarf sieht er unter anderem darin, Impfskeptiker zu überzeugen und für alle ab 60 Jahren ab Oktober Nachimpfungen anzubieten. Nötig seien zudem ein Stufenplan, welche Parameter und Grenzwerte im Herbst und Winter für die Steuerung herangezogen werden, und ein Maßnahmenplan für Schulen und Kitas.

Der Anteil der Ansteckungen auf Auslandsreisen ist zuletzt laut RKI wieder leicht zurückgegangen. Die bisher meisten erkannten Infektionen brachten demnach Reiserückkehrer aus Spanien (1481) mit. Gefolgt von der Türkei (494), Kroatien (318), den Niederlanden (281) und Griechenland (274).

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