WIE ICH ES SEHE

Der Schlimme bleibt – der Gute wird vergessen

von Redaktion

Es liegt in unserer menschlichen Natur, dass wir gerade die schlimmsten Personen der Weltgeschichte im Gedächtnis behalten, uns immer wieder mit ihnen beschäftigen. Das geht von Dschingis Khan über Iwan den Schrecklichen bis zu Stalin, Hitler und Mao Tse-tung.

Stalin wird im heutigen Russland Putins wieder über den grünen Klee gelobt. Das Bild von Mao, dessen lange Herrschaft 76 Millionen Opfer forderte, prangt als Gründer des modernen China dort auf jedem Geldschein.

Die weisen und guten Herrscher dagegen, mit Tugenden wie Gerechtigkeit, Friedensliebe und Ehrfurcht vor Gott, sind so wenig präsent, dass man meinen könnte, es habe sie gar nicht gegeben. Dabei sind sie durchaus zu finden, soweit jedenfalls, wie Macht überhaupt mit Gutem zusammengehen mag.

Wie bei den Herrschern, so sind auch die Namen von Privatleuten vor allem im Gedächtnis der Menschheit, wenn sie Frevel und Untaten begangen haben. Sogar der Name des „Herostrat“ ist in Erinnerung geblieben. Er setzte 356 v.Chr. den Tempel der Artemis in Ephesos, eines der sieben Weltwunder, absichtlich in Brand, um dadurch seinen Namen unsterblich zu machen. Das ist ihm gelungen – leider, möchte man sagen.

Wie im Großen, so ist es im bürgerlichen Leben. Das Ungehörige bleibt, das Gute, das doch die Norm ist, wird vergessen. Von Kaufleuten, die alle ihre Verpflichtungen erfüllen, ihre Rechnungen immer pünktlich bezahlt haben, redet nach ihrem Tode bald niemand mehr. Wer als Unternehmer im Gedächtnis bleiben will , muss eine Großpleite hinlegen, wie einstmals der gescheiterte Zündholzkönig Ivar Kreuger oder kürzlich der Filmhändler Leo Kirch.

Und je länger das zurückliegt, desto mehr Menschen machen sich sogar zum Verteidiger des Gescheiterten, der doch auch Gutes bewirkt habe und auf seine Art kreativ gewesen sei.

Wie viele Biographien von Berühmtheiten gibt es, in denen die angetraute Ehefrau nur eine Nebenrolle zu spielen scheint. Die „andere Frau“ aber, die „Muse“ oder die „Maitresse“, steht im Zentrum des Lebensberichtes. Dazu braucht man gar nicht bis an den Hof von Versailles zurückzugehen,wo eine Madame de Montespan Geschichte geschrieben hat. Der brave Kaiser Franz Joseph von Österreich war mit der Schauspielerin Katharina Schratt so herzlich verbunden, dass diese schon zu Lebzeiten eine Berühmtheit wurde. In einem Lustspiel am Deutschen Volkstheater in Wien durfte sie sogar die Rolle einer Kaiserin spielen, was der Journalist Karl Kraus in der „Fackel“ nicht zu Unrecht als „Gipfel der Geschmacklosigkeit“ angeprangert hat. Lob für alle , die – ob hoch oder niedrig – ein normales Leben führen, findet der Dichter des Bürgertums, Mathias Claudius. Er begehrt, weder reich noch mächtig zu sein, und schreibt seiner Frau zur Silberhochzeit in ihr Stammbuch: „Du bist mein Glück, mein Heil in diesem Leben – ich war wohl klug, dass ich dich fand. Doch ich fand nicht, Gott hat dich mir gegeben, so segnet keine andere Hand.“

Das wenigstens bleibt unvergessen.

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VON DIRK IPPEN

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