„Ein Schwächeanfall der CDU“

von Redaktion

VON MARCUS MÄCKLER

München – Es gab Zeiten, nicht lange her, da schien die Sache geritzt. „Schwarz-Grün kommt“, kommentierte eine bundesweit erscheinende Tageszeitung vor einigen Monaten. Und sie war nicht allein. Auch die möglichen Partner bewegten sich aufeinander zu: Die Union wurde – zumindest äußerlich – grüner, die Grünen bürgerlicher. Friedrich Merz, ausgerechnet, erschien im grünen Anzug zu einem Interview. Reiner Zufall, sagte er, natürlich.

Doch die neue Liebe kühlt zusehends ab, nicht nur zwischen den Parteien. Auch die Bürger scheinen das Projekt Schwarz-Grün, das lange eine solide Mehrheit hatte, immer skeptischer zu sehen. In den jüngsten Umfragen kommen beide Parteien zusammen nur noch auf rund 46 Prozent. Ein Zweierbündnis wäre, je nach Sitzverteilung, nicht völlig ausgeschlossen. Aber der große Vorsprung ist dahin.

„Das liegt vor allem an der CDU“, sagt Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, im Gespräch mit unserer Zeitung. Es handele sich um einen „Schwächeanfall“, der sich auch eindeutig personalisieren lasse. Immer deutlicher zeige sich: „Armin Laschet ist der falsche Kandidat.“

Forsa liefert auch Zahlen dazu. Im jüngsten Trendbarometer für rtl/ntv stellte das Institut die Frage, wer für das Schwächeln der Union verantwortlich ist. 66 Prozent der Befragten nannten Laschet, nur elf Prozent den dauerhaft krittelnden Markus Söder (CSU). Bei einer Kanzler-Direktwahl würden demnach 38 Prozent der Bürger für Söder stimmen, schlappe 13 Prozent für Laschet.

Die Schwächen und Patzer des CDU-Chefs sind bekannt, vom eumeligen Lachen im Flutgebiet bis zur Weigerung, im Wahlkampf Ecken und Kanten zu zeigen. Persönlichkeitswerte sind das eine – inzwischen aber scheint er die Union mit seiner schlechten Performance mit nach unten zu ziehen. Die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock tut ihrerseits wenig, um die Aussicht auf Schwarz-Grün zu verbessern.

So rücken andere Konstellationen in den Fokus: Etwa ein Deutschland-Bündnis aus CDU, SPD und FDP. Bei Forsa kommen sie zusammen auf 55 Prozent und in Berlin wird das Modell diskutiert. Der große Unsicherheitsfaktor: die SPD. Nach außen kommuniziert sie: Ganz oder gar nicht, also eine Regierung anführen oder in die Opposition. In Partei und Fraktion gibt es aber ein Lager, das auch für ein Deutschland-Bündnis offen wäre. Auch Jamaika (Union/Grüne/FDP) oder eine Ampel (SPD/Grüne/FDP) wären derzeit denkbar.

Der Trend geht zum Dreier-Bündnis, wobei die Farben variieren. Und in Bayern träumt einer von einem orangenen Wunder: Bleibe Laschet schwach, dann könnten bürgerliche Wähler zur FDP und zu seinen Freien Wählern abwandern, sagte FW-Chef Hubert Aiwanger diese Woche dem „Spiegel“. Unterm Strich würde eine schwarz-gelb-orangene „Koalition der Vernunft“ möglich. Aiwanger sieht sich schon halb im Bundeswirtschaftsministerium.

Tatsächlich arbeitet sich Aiwangers Partei in den Umfragen langsam aus dem dunklen Sumpf der „Sonstigen“ nach vorne. Die Forschungsgruppe Wahlen sieht die Freien Wähler bei drei Prozent. Aiwanger versucht derzeit, die Partei mit seiner Impfmuffelei im Alleingang über die fünf Prozent zu hieven. Er glaubt, dass das gelingen kann. Forsa-Chef Güllner ist da skeptisch. „Die Freien Wähler haben bei der Bundestagswahl keine Chance, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen“, sagt er. „Die Partei überschätzt sich.“ Aiwangers Fischen bei AfD und Co. sei riskant. „Damit sind vor ihm schon andere gescheitert.“

Doch selbst wenn es mit dem Bundestagseinzug klappen sollte, wäre eine Regierungsbeteiligung wohl ausgeschlossen. Das sei „vollkommen abwegig“ heißt es aus Berliner Unionskreisen, eine „reine Märchenfantasie“, die nicht mal diskutiert werde. Dahinter steckt die große Sorge vor einer Zersplitterung des bürgerlichen Lagers. Und ein bisschen auch vor dem Querkopf Aiwanger.

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