Klimawandel: Versiegt der Golfstrom?

von Redaktion

VON CHRISTIANE OLRICH

Genf – Die jüngsten Wetterextreme erschüttern die Menschen: jüngst die beispiellose Hitzewelle in Kanada, dann die Flutwellen der Zerstörung im Westen Deutschlands, jetzt die Hitze und die Flächenbrände in Griechenland und der Türkei. Klimawandel verbanden die meisten Leute bislang mit einer allgemeinen Erwärmung. Aber solche furchterregenden Extremwetter, in unseren Breitengraden?

Ja, es sind typische Folgen des Klimawandels, vor denen die Wissenschaft schon länger warnt. Die Wucht überrascht aber auch sie teilweise. „Für mich als Vater von drei Kindern ist die große Sorge: Waren unsere bisherigen Befürchtungen noch zu optimistisch, ist es noch schlimmer als befürchtet?“, sagt der Meteorologe Peter Knippertz vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Der Weltklimarat (IPCC) legt nach rund sieben Jahren wieder einen Sachstandsbericht vor. Am Montag erscheint der erste Teil über den neuesten Stand der wissenschaftlichen Grundlagen zum Klimawandel. „Kapitel 11 geht in einen bahnbrechenden Bereich der Wissenschaft“, kündigt IPCC-Sprecher Jonathan Lynn an. „Wir können besser darlegen, in welchem Ausmaß der Klimawandel für Extremwetterereignisse, Desaster und Ähnliches in der Welt verantwortlich ist.“

Dass die Menschen mit ihrer Energiegewinnung, Intensivlandwirtschaft, Abholzung, Tierhaltung und Umweltverschmutzung maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich sind, ist unter den Wissenschaftlern unbestritten. Wie groß dieser Einfluss ist, will der Weltklimarat in dem Bericht noch einmal vor Augen führen: „Es wird mehr über die Folgen der menschlichen Aktivitäten auf den Klimawandel geben“, sagte Lynn.

Der letzte Sachstandsbericht stammt von 2013/14. Seitdem hat es die sechs wärmsten Jahre seit Messbeginn gegeben. 2016, 2019 und 2020 waren mit minimalen Unterschieden die drei heißesten Jahre. Global liegt die Mitteltemperatur etwa 1,2 Grad über vorindustriellem Niveau (1850-1900). In Deutschland ist sie bereits 1,6 Grad höher, wie Astrid Kiendler-Scharr sagt, Direktorin des Instituts für Energie- und Klimaforschung am Forschungszentrum Jülich. Sie ist Mitautorin des neuen Berichts. Im Pariser Klimaabkommen setzten sich Staaten 2015 das Ziel, möglichst unter 1,5 Grad Erwärmung zu bleiben.

Sorgen bereiten auch Beobachtungen der Ozeane. Eine wichtige Atlantik-Strömung, zu der auch der Golfstrom gehört, nähert sich womöglich einer kritischen Schwelle. Die Atlantische Umwälzströmung (AMOC), die für den Austausch warmer und kalter Wassermassen in dem Ozean verantwortlich ist und so auch das Klima in Europa beeinflusst, hat möglicherweise an Stabilität verloren. Das schreibt Niklas Boers vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) im Fachmagazin „Nature Climate Change“.

Die Atlantische Umwälzströmung ist ein komplexes Strömungssystem, das warmes Wasser aus den Tropen an der Ozeanoberfläche Richtung Norden befördert und kaltes Wasser in größerer Tiefe gen Süden bringt. In Westeuropa sorgt dieser Kreislauf für vergleichsweise milde Temperaturen.

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