Erftstadt – Es sieht aus, als wäre ein Meteorit eingeschlagen. Straßen enden im Nichts, ein Auto hängt mit den Vorderrädern über dem Abgrund einer riesigen Kraterlandschaft. Wie andere Orte in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wurde am 15. Juli auch der Stadtteil Erftstadt-Blessem überflutet. Doch hier geschah noch etwas anderes: Nachts tat sich plötzlich die Erde auf, verschlang Straßen und Häuser.
Maria Dunkel ist 67 Jahre alt und bewohnt seit 49 Jahren ein Haus in der Radmacherstraße, das jetzt nur wenige Meter von der Abbruchkante entfernt ist. Auf die Hauswand hat die Feuerwehr einen roten Kreis mit einem X gesprüht. „Der Kreis bedeutet: Standsicherheit muss geprüft werden. Und das X bedeutet: Es sind keine Menschen mehr drin“, erklärt ihr Sohn Thomas Dunkel (47).
Maria Dunkel hat die Bilder vor Augen: Wie die braune Flut am 15. Juli durch die Straße schoss, wie die Erft, normalerweise ein Flüsschen, zu einer Art Amazonas geworden war. Als ihr Mann Ulrich (73) merkte, dass das Wasser langsam sackt, glaubten sie, das Schlimmste wäre überstanden. Sie gingen ins Bett. Morgens schauten sie aus dem Fenster und sahen – nichts. „Ein leeres Blau, das kann man sich nicht vorstellen“, erzählt Maria Dunkel. „Blau vom Wasser und vom Himmel. Aber keine Häuser. Nix.“ Drei Häuser waren weg, an ihrer Stelle donnerte nun ein Wasserfall acht Meter in die Tiefe. Die Dunkels flüchteten, mehrere Nachbarn waren in ihren Wohnungen eingeschlossen, mussten per Hubschrauber gerettet werden. Insgesamt acht Häuser sind verloren. Dass es keine Toten und Schwerverletzten gab, ist ein Wunder für jeden, der einmal an der Kraterkante gestanden hat.
Die Dunkels haben noch Glück gehabt. Dennoch wird nichts mehr so sein wie vorher. Zwar soll die Straße wiederhergestellt werden, wenn die Abbruchkante gesichert ist. Doch Maria Dunkel will nicht mehr zurück in ihr Haus. „Bei jedem Regentropfen hätte ich wieder diese Angst, dass das Wasser zurückkommt. Das würde ich nicht mehr überstehen, da kriege ich einen Herzinfarkt.“ Viele Anwohner vermuten, dass der Erdrutsch mit einer angrenzenden Kiesgrube zu tun hat. Wer die Schäden bezahlt? „Viele sind für solche Fälle nicht versichert und stehen jetzt praktisch vor dem Nichts“, sagt die Erftstädter Bürgermeisterin Carolin Weitzel (CDU).
Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (NRW) und Kanzlerkandidat, versprach umfassende Hilfe und hat eine Sondersitzung des Bundestags gefordert, um das Wiederaufbaugesetz schnell zu verabschieden. Es gehe um Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe, bekräftigte Laschet. Er versprach unbegrenzte Mittel. „Tod und Leid können wir nicht wieder gutmachen, aber nach dem Wiederaufbau soll keine Stadt, kein Dorf, keine Familie schlechter dastehen als vorher. Dafür gibt es keine Obergrenze“, sagte er der „Bild am Sonntag“. Nötig seien zudem „Bauunternehmen und Handwerker aus dem gesamten Bundesgebiet, die mehrere Monate im Katastrophengebiet arbeiten“.