Mehr als 1000 tote Zivilisten im Juli während der anhaltenden Offensive der Taliban in Afghanistan. Diese Zwischenbilanz ist nur ein Vorgeschmack auf das, was dem Land vom 11. September an droht – jenem Datum, an dem die USA und westlichen Helfer die letzten Truppen abgezogen haben wollen. Tragikomisch mutet dabei an, dass die UN-Sondergesandte für Afghanistan am Wochenende die mangelnde Bereitschaft der Taliban für eine politische Lösung beklagte. Die Taliban wissen genau, dass der Weltgemeinschaft nun nur noch Betteln bleibt, wenn es um das Vermeiden einer humanitären Katastrophe geht. Und die Verhandlungsbereitschaft war nicht mehr als eine einzige große Lüge, was die Radikalislamisten nach ihrer Werteskala als angemessenes Mittel im Kampf gegen die „Ungläubigen“ ansehen.
Natürlich wissen die Regierungen in den USA und Europa lange, dass Afghanistan kein Projekt für ein „nation building“ – also das Errichten einer Demokratie nach westlichem Vorbild – sein kann. Aber das Land und vor allem die der Taliban-Willkür bald schutzlos ausgesetzten Bürger deshalb wieder vollständig Repression und Übergriffen der Extremisten überlassen? Genau das tut US-Präsident Joe Biden, indem er den von seinem Vorgänger Donald Trump eingeschlagenen Weg weiter verfolgt. Der Verbleib eines Mindestkontingentes an US-Truppen hätte zumindest noch abschreckende Wirkung gehabt.
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