Washington/Kabul – Mission irgendwie erfüllt. Nun ja, das ist zumindest die Auffassung der US-Regierung, wenn man sie auf Afghanistan anspricht. Das Ziel des Feldzugs sei zum einen die Zerschlagung des Terrornetzes El Kaida gewesen, sagt der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby. Und das Ende der Terrorgefahr, die aus dem Land für die USA ausging. Und jetzt folge man der Ansage des Präsidenten – und das sei nun mal der Truppenabzug. Mantraartig werden diese Sätze in den USA seit Wochen wiederholt.
Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Afghanistan im Chaos zu versinken droht. Die Taliban erobern in kürzester Zeit eine Stadt nach der anderen – viele Zivilisten kommen bei den Gefechten ums Leben. All das passiert rund drei Wochen, bevor die USA ihre Truppen endgültig aus dem Land abgezogen haben wollen. Kann US-Präsident Joe Biden trotz der dramatischen Entwicklung an seinen Plänen einfach so festhalten? Ja, sagt Sprecher Kirby. Es sei ihr Kampf, sagt er an die Afghanen gerichtet. Fest steht aber auch: Es ist Bidens außenpolitisches Vermächtnis.
Rund 20 Jahre waren die USA in Afghanistan. Die Anschläge vom 11. September 2001, für die El Kaida verantwortlich gemacht wurde, hatten damals den Einmarsch der US-geführten Truppen in Afghanistan ausgelöst. Der Militäreinsatz führte binnen weniger Wochen zum Sturz des Taliban-Regimes. „Wir beenden Amerikas längsten Krieg“, hatte Biden in einer Rede im Juli erklärt und seine Abzugspläne verteidigt. Ein Versprechen, das Biden seinen Landsleuten gegeben hat. Ein Versprechen, das er nun schwer brechen kann.
Denn die Botschaft des Abzugs ist in erster Linie an die Amerikaner gerichtet. Der Fokus liegt dabei nicht auf der Zukunft Afghanistans. „Wir sind wegen eines schrecklichen Anschlags, der sich vor 20 Jahren ereignet hat, nach Afghanistan gegangen. Das kann nicht erklären, warum wir 2021 dort bleiben sollten“, sagte Biden im April. Man stehe in der Schuld der Amerikaner, die im Dienst des Militärs stehen. Es sei Zeit, dass die rund 2500 Männer und Frauen nach Hause kommen.
Kritik an Bidens Abzugsplänen gab es immer wieder – besonders prominent zuletzt von Ex-Präsident George W. Bush. Er hatte den Einmarsch in Afghanistan angeordnet. Die USA wollten das Land durchaus stabilisieren, die Demokratie aufbauen und Frieden bringen. Kritiker des Abzugs räumen zwar ein, dass dies wohl utopisch sei. Doch es steht die Frage im Raum, ob die Bewahrung des Status Quo nicht besser gewesen wäre als der blutige Vormarsch der Taliban. Für Biden, das sagte er selbst im April, war der Status quo keine Option.
Das Einzige, worauf man jetzt noch hoffen könne, sei eine Art Patt zwischen den afghanischen Streitkräften und den Taliban-Kämpfern, sagte Ex-Verteidigungsminister Leon Panetta im US-Fernsehen. Eine Übernahme der Taliban wäre eine echte Bedrohung für die USA – Afghanistan würde zum „sicheren Hafen“ für Terroristen werden. Das wäre nicht nur für die USA, sondern auch für die Nato der Super-GAU.
Doch es sieht ganz danach aus, als könnte der schon bald Realität werden. Die Taliban haben nach übereinstimmenden Berichten eine weitere Provinzhauptstadt erobert. Die Stadt sei an die Taliban gefallen. Es ist bereits die siebte Provinzhauptstadt, die die Radikalislamisten wieder unter ihre Kontrolle gebracht haben.