München – Eine Matroschka-Puppe gab es auch schon von Angela Merkel. Im Bauch steckten keine kleineren Merkels, sondern Mitglieder ihres ersten Kabinetts. Dass die SPD nun für ein Wahlwerbe-Video eine Matroschka von Armin Laschet basteln ließ, um zu demonstrieren, wen man mit der CDU sonst noch wähle, war nicht sonderlich originell. Überraschend war, dass die SPD-Strategen neben Friedrich Merz, Hans-Georg Maaßen und Andreas Scheuer auch Nathanael Liminski wählten.
Außerhalb Nordrhein-Westfalens kennt bislang kaum jemand jenseits des Politbetriebes den Vertrauten des CDU-Chefs. Zudem überraschte – und empörte – das Argument. Wer die CDU wähle, heißt es im Wahlspot, wähle „erzkatholische Laschet-Vertraute, für die Sex vor der Ehe ein Tabu ist“.
Als Tabu galten in Wahlkämpfen bislang persönliche religiöse Ansichten. Dieses werde für einen bestimmten Zweck gebrochen, wirft der religionspolitische Sprecher der Union im Bundestag, Hermann Gröhe, der SPD vor: Nicht frühere Aussagen „eines heutigen hervorragenden nordrhein-westfälischen Spitzenbeamten“ zu individuellen Moralvorstellungen seien das Problem, sondern „antikatholische Stimmungsmache durch die SPD“.
Liminski kommt aus einer konservativ-katholischen Familie, engagierte sich früh religionspolitisch. Er war mit Anfang 20 Mitautor der Denkschrift „Generation Benedikt“. Das machte ihn bekannt. Im Jahr 2007, Liminski war 22, sagte er in einer Talksendung, er glaube, keinen Sex vor der Ehe zu haben, mache glücklicher. Darauf spielt der Wahlspot an, obwohl Liminski damals auch sagte, dies sei seine persönliche Meinung, die er niemandem aufzwingen wolle.
Es sei inakzeptabel, „den Glauben von jemandem auf diese Weise abzuwerten“, sagt Volker Beck, Lehrbeauftragter des Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der Uni Bochum und ehemals religionspolitischer Sprecher der Grünen. Liminski in den Fokus zu rücken, sei aber legitim. „Problematische Positionen und Beziehungen“ von Politikern sollten hinterfragt werden.
Liminski wird vorgehalten, für ein als konservativ-rechtspopulistisch geltendes Internetportal geschrieben zu haben, das einem Netzwerk um die AfD-Politikerin Beatrix von Storch und ihrem Mann zugerechnet wird. Lange her. Liminski hat sich früher auch kritisch zu Abtreibung und gleichgeschlechtlicher Ehe geäußert. Seine heutigen Positionen dazu sind unbekannt, obwohl er längst als einflussreicher Politiker gilt und schon damals auch an seiner politischen Karriere arbeitete.
Ab 2005 war der heute 35-Jährige Mitarbeiter mehrerer Abgeordneter. Ab 2010 arbeitete er in der hessischen Staatskanzlei, dann in Bundesministerien. 2014 holte ihn Laschet als Büroleiter. Liminski gilt als Kopf hinter seinem erfolgreichen Landtags-Wahlkampf 2017. Seitdem ist er Staatskanzlei-Chef in Düsseldorf und wird als neuer Kanzleramtsminister im Falle eines Unionserfolgs im Herbst gehandelt.
Auch CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak meldete sich jetzt zu Wort. Die Bekenntnisse der SPD zu einem fairen Wahlkampf habe er sich anders vorgestellt. Allzu laut war der Aufschrei aber nicht. Ob mit dem Vorwurf des Foulspiels mehr zu gewinnen ist, als mit zusätzlicher Aufmerksamkeit für Liminski zu verlieren wäre, scheint fraglich. „Katholizismus strengerer Observanz“ sei heute in weiten Teilen der Gesellschaft negativ besetzt, sagt der Göttinger Staats- und Kirchenrechtler Hans Michael Heinig. Dass die SPD das aber im Wahlkampf nutze, sei ein „Paradigmenwechsel, der auch den christlichen Traditionsabbruch reflektiert“.
Aber auch die SPD überkamen wohl Zweifel. Vier Tage nach der Präsentation kündigte ihr Kanzlerkandidat Olaf Scholz gestern an, das Video nicht weiter zu nutzen.