Haitis nächste Katastrophe

von Redaktion

VON MARTINA FARMBAUER UND NICK KAISER

Saint-Louis-du-Sud – Es war 8.30 Uhr, Ortszeit, als die Erde in Haiti erzitterte, wieder einmal. Ein junger Mann hielt den Moment in einem Video fest, das die Zeitung „Diario Libre“ aus der benachbarten Dominikanischen Republik veröffentlichte. Aufgeregt erzählt eine Stimme inmitten von Staubwolken und durch die Naturgewalt zerstörten Gebäuden, was geschehen ist, während andere Menschen erschrocken auf die Straße laufen.

Die US-Behörde USGS gab die Stärke des Bebens von Samstagmorgen mit 7,2 an. Nach ersten Zahlen von Haitis Zivilschutzbehörde gibt es mindestens 700 Tote und mehr als 1800 Verletzte. Rettungskräfte und Bürger hätten zahlreiche Menschen aus den Trümmern geborgen. Bilder zeigen eingestürzte Wohnhäuser, Hotels, Schulen, Kirchen. Menschen seien darunter begraben, berichtete ein Augenzeuge aus Les Cayes, einer der größten Städte des Landes, dem Onlineportal „Haiti Press Network“. Mehrere Kinder wurden „HPN“ zufolge in einer Kirche getötet, als eine Taufe abgehalten wurde.

Mehr als fünfzig Ärzte des allgemeinen Krankenhauses in der Hauptstadt Port-au-Prince machten sich auf den Weg, um medizinische Hilfe zu leisten. Krankenhäuser sind überlastet, manche auch beschädigt. Der Zugang zum Süden ist durch gewalttätige Banden abgeschnitten, die in der Hauptstadt um Kontrolle über Gebiete kämpfen.

Schnell kommen in Haiti Erinnerungen an frühere Katastrophen hoch. „Die Gefühle vom 12. Januar 2010 sind wieder da und jagen uns“, schreibt der Botschafter Haitis in den USA, Bocchit Edmond, auf Twitter. „Naturkatastrophen verfolgen Haiti weiter.“ Die Narben des verheerenden Erdbebens von 2010 mit mehr als 220 000 Todesopfern sind noch frisch und vielerorts sichtbar. Mehr als eine Million Menschen verloren ihr Zuhause. Die Region im Süden Haitis, in der das Zentrum des neuen Bebens liegt, wurde zudem bereits 2016 von Hurrikan Ma- thew schwer getroffen – mehr als 500 Menschen starben damals. Katastrophen gibt es viele in dem Karibikstaat, auch politisch ist die Lage äußerst angespannt – erst Anfang Juli war Staatspräsident Jovenel Moïse in seiner Residenz ermordet worden.

Nun befindet sich Haiti wieder in einer „humanitären Notlage“, wie sie Leila Bourahla nannte, Chefin der Hilfsorganisation Save the Children in Haiti. Und die Gefahr ist noch nicht gebannt. Tropensturm „Grace“ ist unterwegs. „Er könnte die gleichen Gegenden treffen, die vom Erdbeben getroffen wurden“, warnte das Internationale Rote Kreuz.

Erste Hilfslieferungen aus dem Ausland, etwa aus den USA, wurden bereits versprochen. Von dem Geld, das nach dem Beben von 2010 für den Wiederaufbau aus dem Ausland zugesagt worden war, sahen durchschnittliche Haitianer aber nur wenig. Zum schlechten Ruf der internationalen Gemeinschaft trugen auch die Blauhelme der UN-Stabilisierungsmission Minustah bei, die 2004 nach einem Putsch kamen und bis 2017 blieben. Sie lösten einen Cholera-Ausbruch aus und wurden etlicher Sexualverbrechen beschuldigt.

Die Haitianer wollten keine internationale Gemeinschaft, die vorschreibe, was Haiti brauche, sagte die Aktivistin und Schriftstellerin Monique Clesca der britischen „BBC“. „Wir wollen würdige Unterstützung, die sich danach richtet, was wir wollen und brauchen, zu unseren Bedingungen – dass unsere Würde und Souveränität respektiert werden.“

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