Washington – US-Senator Marco Rubio und 24 weitere Senatoren haben eine Frage, die Millionen US-Bürgern auf der Zunge liegt. In einem Schreiben an Verteidigungsminister Lloyd Austin wollen die Volksvertreter wissen: Wie konnte es geschehen, dass jede Menge Hightech-Militärausrüstung, die von US-Steuergeldern bezahlt wurde, in die Hände der Taliban gefallen ist – darunter sogar der afghanischen Armee zur Nutzung überlassene hoch komplizierte Blackhawk-Kampfhubschrauber und Flugzeuge?
Rubio bezeichnet es als „unglaublich“, dass die Abzugsplanung der Biden-Regierung diese Kernfrage nicht berücksichtigt habe. Von Medienvertretern auf das brisante Thema angesprochen, wichen Pentagonchef Austin und Generalstabschef Mark Milley aus: Diese Frage werde man erst beantworten, wenn akute Probleme wie die Lage am Flughafen Kabul gelöst seien, so Austin.
Hilflosigkeit also auch bei diesem Aspekt. Dabei gab es jede Menge Warnzeichen für das Weiße Haus, dass bei einem Totalabzug auch die Zukunft der milliardenschweren US-Investitionen infrage gestellt werden würde. Seit Jahren gab es beispielsweise das Phänomen, dass in den USA und bei Alliierten für Trainingsprogramme angereiste afghanische Piloten desertierten und partout nicht in ihre Heimat zurückkehren wollten. Im Jahr 2019 musste sogar das Training für Piloten des Kampfflugzeugs AC-208, das speziell für den Einsatz gegen Terroristen und Aufständische ausgerüstet ist, eingestellt werden. Fast die Hälfte der Teilnehmer aus Afghanistan war während der Schulung in den USA spurlos verschwunden.
In einer Statistik der US-Behörde für den Wiederaufbau Afghanistans („SIGAR“) aus dem Jahr 2017 heißt es, seit 2005 seien 152 von 320 afghanischen Piloten während der Ausbildung in den Vereinigten Staaten desertiert.
Auch US-Ausbilder, die in Deutschland auf Militärstützpunkten tätig gewesen sind, kennen das Phänomen der mangelnden Motivation afghanischer Rekruten seit Langem. Armee-Offizier Crispin Burke war von 2010 an zwei Jahre lang im bayerischen Hohenfels im Bereich unbemannte Flugkörper wie Drohnen zuständig. Er schilderte jetzt in sozialen Medien seine Erfahrungen als Ausbilder für Nato-Kontingente, die nach Afghanistan geschickt wurden und deshalb auf dem Stützpunkt zuvor mit Mitgliedern der regulären afghanischen Armee zusammengebracht wurden, um eine spätere Kooperation zu erleichtern. Oftmals habe man ein Flugzeug in Hohenfels nur für den Zweck bereitgehalten, aus der Luft nach desertierten Afghanen zu suchen.
Die Folgen der Fahnenflucht lassen sich heute am Beispiel jener 24 Hubschrauber und 22 Flugzeuge ablesen, die derzeit auf dem Flughafen Termez in Usbekistan stehen. Die Piloten hatten sich, als der Fall von Kabul unvermeidbar erschien, mit ihren von den USA gekauften Maschinen über die Grenze abgesetzt. Ein Trost für Biden ist, dass diese Maschinen nicht in die Hände der Taliban fielen.
Und Kampfhubschrauber wie der Typ „Black Hawk“ sind für nicht mit dem Modell vertraute Piloten aufgrund ihrer Elektronik extrem schwer zu fliegen. Das US-Außenministerium hatte in Afghanistan zuletzt auch sieben Hubschrauber des Typs CH-46E „Sea Knight“ für Transportzwecke im Einsatz. Als klar wurde, dass der Vormarsch der Taliban nicht zu stoppen war, wurden diese von Boeing gebauten Hubschrauber (Stückpreis immerhin sechs Millionen US-Dollar) nach Angaben des Ministeriums „gebrauchsunfähig“ gemacht. Das bedeutet: zerstört und zurückgelassen.