München – Die Bundeswehr ändert ihre Taktik und will jetzt Deutsch-Afghanen und Ortskräfte, die evakuiert werden sollen, mit KSK-Elitesoldaten zum Flughafen geleiten. Die Ersten, die so gerettet werden sollten, waren die Münchner Abiturientin Samira (19), ihr 12-jähriger Bruder und ihre Mutter.
Die drei waren Anfang August nach Kabul gereist, um noch ein letztes Mal Samiras Großmutter zu besuchen, ehe die Taliban Kabul erobern – im Vertrauen auf die Einschätzungen der westlichen Regierungen, dies werde frühestens in einigen Monaten der Fall sein. Die Grünen-Politikerin Jamila Schäfer, die die Familie in den vergangenen Tagen unterstützt hat, kritisiert die Bundesregierung trotz der gelungenen Aktion: Zunächst hatte das Auswärtige Amt es noch abgelehnt, die Mutter auszufliegen, die anders als ihre Kinder keinen deutschen Pass hat. Bereits am 13. August bat die Familie, ausgeflogen zu werden – doch wegen der anfänglichen Weigerung, die ganze Familie aus Kabul zu evakuieren, verzögerte sich die Rettung. In Berlin habe man die Evakuierung lange „verschlafen“ und so das Leben der Familie gefährdet, kritisiert die Grünen-Politikerin. „Amerikaner, Briten, Franzosen – sie alle holen schon seit Tagen ihre Bürger mit Soldatenschutz ab. Aber die Deutschen muteten den Menschen bis jetzt zu, sich alleine zum Flughafen durchzukämpfen.“ Ein gefährlicher Weg.
In einer Massenpanik wurden am Wochenende dort Menschen regelrecht zertrampelt. Auch Samiras Familie habe mehrmals versucht, auf eigene Faust zum Flughafen zu gelangen, berichtet das Vorstandsmitglied der Bundes-Grünen gegenüber unserer Zeitung. Dabei seien Samira und ihre Familie immer wieder in sehr gefährliche Situationen geraten – und kein deutscher Vertreter weit und breit, der geholfen hätte. Doch am Samstagabend wurde mit der Familie ein Treffpunkt verabredet, um sie mit KSK-Soldaten im Schutz der Dunkelheit zu einem sicheren Gate zu geleiten. Kurz vor dem Flughafen brach zwar auch noch der Handy-Empfang zum KSK ab – doch am Ende ging alles gut: Am Sonntagabend landete Samira mit ihrer Familie am Frankfurter Flughafen – nach einer schlaflosen Nacht. Anschließend fuhren sie im Auto nach München.
Unterdessen gibt es Schwierigkeiten ganz anderer Art: Mit den Evakuierungsflügen aus Kabul sind mehrere Menschen in Deutschland eingetroffen, die hierzulande bereits polizeilich in Erscheinung getreten sind. „Wir gehen im Moment im Prinzip so vor, dass Listen angefertigt werden mit Personen, die aus Kabul ausgeflogen werden“, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Die Sicherheitsüberprüfung werde dann bei der Ankunft in Deutschland am Flughafen vorgenommen, hieß es. In diesem Verfahren sei bisher „eine niedrige einstellige Zahl“ identifiziert worden, „bei denen bereits in Deutschland Erkenntnisse vorlagen“, sagte der Sprecher. KLAUS RIMPEL mit afp