Washington/Kabul – Im kommenden Monat soll das erste Kind des US-Marinesoldaten Rylee McCollum zur Welt kommen. Seinen Vater wird es nie zu sehen bekommen. Der 20-Jährige war einer der 13 US-Soldaten, die am vergangenen Donnerstag durch den Sprengsatz eines Selbstmordattentäters am Flughafen Kabul getötet wurden. Mehr als 150 weitere Menschen wurden bei dem Anschlag aus dem Leben gerissen. Und die Gefahr ist noch nicht gebannt. US-Präsident Joe Biden hat vor einem weiteren Angriff der Terroristen gewarnt. Das Militär halte einen Anschlag in den nächsten 24 bis 36 Stunden für „sehr wahrscheinlich“, sagte er am Samstagnachmittag.
Ein regionaler Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hatte sich zu dem Anschlag bekannt. Die USA reagierten gleich mit einem Vergeltungsschlag: Bei einem Drohnenangriff habe die US-Armee zwei ranghohe Vertreter des IS-Ablegers getötet, heißt es aus dem Pentagon. „Dieser Angriff war nicht der letzte“, versprach Biden. „Wir werden weiterhin alle Personen, die in diesen niederträchtigen Anschlag verwickelt waren, jagen, fassen und dafür bezahlen lassen.“
Die US-Truppen haben unterdessen mit ihrem Abzug begonnen – bis morgen sollen alle US-Soldaten Kabul verlassen haben. Die Lage sei dort weiterhin „sehr gefährlich“ und das Risiko von weiteren Anschlägen gegen amerikanische Soldaten hoch, sagte Biden. Die US-Botschaft rief am Wochenende alle Amerikaner in der Nähe des Flughafens dazu auf, das Gebiet wegen „einer spezifischen, glaubwürdigen Bedrohung“ sofort zu verlassen.
Elf Soldaten und zwei Soldatinnen wurden bei dem Anschlag getötet. Sie waren zwischen 20 und 31 Jahre alt. Eine von ihnen war Nicole Gee. Noch vor gut einer Woche ist ein Foto im Netz kursiert, das Gee auf der Plattform Instagram veröffentlicht hat. Sie hält darauf ein Baby schützend im Arm. „Ich liebe meinen Beruf“, schrieb die 23-Jährige dazu. Wenige Tage später war sie tot.
Das US-Verteidigungsministerium veröffentlichte die Namen der gefallenen Soldaten – seitdem häufen sich in den sozialen Medien Abschiedsbotschaften von Menschen aus aller Welt. Für die Ausbildung und Zukunft von Rylee McCollums ungeborenem Kind spendeten Menschen in weniger als 24 Stunden mehr als 250 000 Euro. Im Netz wird auch über die Schuldfrage diskutiert. Biden kommt dabei nicht gut weg.
Die Zustimmungswerte für den Präsidenten sinken in den Keller. Umfragen der Fernsehsender NBC und CBS haben schon vor dem Anschlag gezeigt, dass eine deutliche Mehrheit mit Bidens Krisenmanagement unzufrieden ist. Die „New York Times“ spricht jetzt von einer „politischen Krise“, die Bidens Position in der Partei „erschüttert“ habe. Und: Die Demokraten seien zunehmend besorgt, was ihre Fähigkeit zum Machterhalt angesichts des „chaotischen Abzugs“ angehe.
Am Flughafen in Kabul herrscht noch immer Unruhe. Noch bis morgen solle das US-Militär für die Sicherheit und den Betrieb des Flughafens verantwortlich sein, heißt es aus dem US-Verteidigungsministerium. Bizarr: Zum Schutz vor dem IS müssen die US-Soldaten bei den Evakuierungen eng mit den Taliban zusammenarbeiten. Taliban-Kämpfer eskortierten Schutzbedürftige, die auf den US-Listen standen, am Sonntag zum Hauptterminal und übergaben sie dort den US-Truppen.
Nach Angaben von Taliban-Sprecher Bilal Karimi übernahmen die Islamisten bereits am Wochenende die Kontrolle über Teile des Flughafens. Ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums versicherte aber, die Taliban hätten zwar Sicherheitskontrollen rund um den Flughafen errichtet. „Aber sie kontrollieren keine Tore, sie sind nicht am Flughafen und haben keine Rolle für die Sicherheit.“ Die Maschinen der USA gehören zu den letzten, die noch am Flughafen Kabul stehen. Deutschland und mehrere andere westliche Verbündete der USA haben ihre Einsätze in Kabul bereits beendet, am Samstag flog auch Großbritannien seine letzten Soldatinnen und Soldaten aus. (mit dpa/afp)