Gewerkschaftsführer dürfen keine zartbesaiteten Sensibelchen sein, wenn sie für ihre Mitglieder das maximal Mögliche herausholen wollen. Das war schon immer so. Legendär das Muskelspiel im öffentlichen Dienst 1974, als Müllmänner, Bus- und Bahnfahrer sowie die Postzusteller das Leben vor allem in den Großstädten lahmlegten – ganz nach dem Geschmack des bulligen ÖTV-Chefs Kluncker: Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will. GDL-Chef Claus Weselsky hat sich dieses Motto schon seit vielen Jahren zu eigen gemacht und setzt es auf der Schiene praktisch wörtlich um.
Doch bei aller Tradition: Man kann den Bogen auch überspannen – genau das tut Weselsky mit seiner dritten Streikwelle. Man muss sich das vorstellen: Die Bahn hat in ihrem neuesten Angebot Weselskys Forderung nach einer 600-Euro-Corona-Prämie erfüllt, kommt ihm bei der Laufzeit des Tarifvertrags weit entgegen (36 Monate) und ist auch beim Entgelt mit 3,2 Prozent sehr nahe an den Gewerkschafts-Vorstellungen. Und was macht der GDL-Chef? Er lehnt Gespräche ab und nimmt erneut Millionen bahnfahrender Bürger tagelang in Sippenhaft. Die letzte Verhandlungsrunde zwischen Bahn und GDL ist drei Monate her! Höchste Zeit, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Weselsky bestätigt sonst nur das, was ihm Kritiker vorwerfen: Dass es ihm weniger um Geld für die Beschäftigten als um den Ausbau seiner eigenen Macht geht.
Alexander.Weber@ovb.net